rz-Logo

Leserbrief zu den Arbeitslosenzahlen vom November 2006

Klaus Wallmann sen. || Datum: 01.12.2006

Leserbrief zu den Arbeitslosenzahlen vom November 2006

Wenn Frau Merkel, z.Z. Bundeskanzlerin, in den offiziellen Arbeitslosenzahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) ein "wichtiges Signal" sieht, daß sich die "gute Grundstimmung in der Wirtschaft ... verfestigt" habe, so wird damit vor allem deutlich, daß sich die schwarz-rote Regierung angesichts der rapide gesunkenen Umfragewerte inzwischen an die "Erfolgsmeldungen" aus Nürnberg wie an den berühmten rettenden Strohhalm klammert.

Nach Angaben der BA sank die offizielle Zahl der Arbeitslosen von Oktober auf November um 88.902 auf 3,995 Millionen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erhöhte sich um 1,2 Prozent oder 316.975 Personen gegenüber dem Vorjahr. Über diese "sehr erfreuliche Entwicklung" jubelt die gesamte "freie" Presse. Schaut man jedoch näher hin - vor allem auf das, worüber auch die "Freie Presse" nicht berichtet - so findet sich für die Massen weit weniger "Erfreuliches".

So gibt die BA in ihrem November-Bericht selbst zu, daß der Anstieg der Beschäftigungszahl "zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung getragen wird". Der in Merkels 2,4-Millionen-Euro-Kampagne - die uns vor Augen führen soll, was die Große Koalition (sich) bisher geleistet hat - gefeierte erstmalige Zuwachs "regulärer Jobs" seit fünf Jahren beruht also vor allem auf der wachsenden Zahl von Leiharbeitern, die in diesem Jahr erstmals über eine halbe Million steigt.

Begründet ist dieser Anstieg in der relativen Belebung der Wirtschaft, der in einzelnen Branchen - wie z.B. im Maschinenbau - auch zu Neueinstellungen führt. Tariflich bezahlte Vollzeitarbeitsplätze stehen aber nur selten dahinter. Deutschlands Chef von "Manpower", einer der größten Leiharbeitsfirmen der Welt, führt den Anstieg denn auch völlig zu Recht darauf zurück, daß viele Firmen "lieber auf Zeitarbeitskräfte zurückgreifen", um "Auftragsschwankungen" auszugleichen, bevor sie neue Arbeitskräfte fest einstellen. Für die kommenden Jahre rechnet er bezeichnenderweise mit einem Wachstum seiner Branche um 18 Prozent, wobei sich die Zahl der Zeitarbeiter bis 2010 verdoppeln soll.

Verbunden ist damit die zunehmende Verdrängung fest eingestellter Beschäftigter, sowie die Senkung des allgemeinen Lohnniveaus, da der Tariflohn für Zeitarbeiter bei nur rund 7 Euro/Stunde liegt. Die zwangsläufige Folge ist erhöhter Druck auf die Werktätigen, mit dem sich dann Lohnsenkungen, Kürzungen beim Weihnachtsgeld oder anderen Lohnbestandteilen leichter durchsetzen lassen. Aktuell können bereits 2,8 Millionen Arbeiter und Angestellte nicht mehr von ihrem Lohn leben.

Natürlich geht auch die Manipulation der offiziellen Arbeitslosenstatistik weiter. Auch ohne tiefergehende Kenntnis kann man dies bereits am Vergleich der offiziellen Arbeitslosenzahl von 3,995 Millionen mit der viel höheren Zahl der Arbeitsuchenden von 5,6 Millionen erkennen.
1,6 Millionen Arbeitslose sind in "Maßnahmen" des Arbeitsamtes versteckt, 2,4 Millionen Bezieher von Arbeitslosengeld II werden in der Statistik nicht geführt. Und nicht zuletzt liegt die Zahl unter der des Vorjahres, weil inzwischen der Zähltermin auf die Monatsmitte vorverlegt wurde.
Damit nicht genug, verschleiert man auch die Verdrängung von Vollzeitarbeitsplätzen durch Teilzeitjobs. Diese haben sich seit 1991 von 5,5 Millionen auf 11,3 Millionen mehr als verdoppelt.

Rechnet man Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung zusammen, so offenbart sich das völlige Scheitern der Arbeitsmarktpolitik der Regierungen von Kohl, Schröder und nun auch Merkel, zumindest wenn man es vom Standpunkt der Arbeiter und Angestellten betrachtet. Daß sich die "gute Grundstimmung in der Wirtschaft" angesichts dieser volksfeindlichen Politik "verfestigt", das glaube ich Frau Merkel gern. Doch zugleich beweist diese Entwicklung, daß Kapital und Arbeiter eben doch völlig entgegengesetzte Interessen haben, und beileibe nicht "in einem Boot sitzen".

Klaus Wallmann sen.



Zurück Ihre Meinung ist gefragt. Zum Anfang