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Emsdetten: Gesellschaftliche Ursachen
Leserbrief zum Artikel "Regierung schließt Verbot von Gewaltspielen nicht aus", FP 23.11.2006, S.4

Klaus Wallmann sen. || Datum: 23.11.2006

Emsdetten: Gesellschaftliche Ursachen
Leserbrief zum Artikel "Regierung schließt Verbot von Gewaltspielen nicht aus", FP 23.11.2006, S.4

In einer Schule in Emsdetten lief am Montag ein ehemaliger Schüler Amok und verletzt vier Jugendliche sowie den Hausmeister mit Schüssen. Die Erinnerung an Erfurt stand wieder im Raum. Solche Taten sind empörend und durch nichts zu rechtfertigen.

Mindestens ebenso empörend ist allerdings die nun erneut aufkommende Debatte. Da geht es um ein Verbot solcher Killerspiele. Da fordert Herr Stoiber, z.Z. bayerische Ministerpräsident, eine "konzertierte Aktion" gegen "Jugendgewalt". Und eine innenpolitische Sprecherin der FDP will das Internet stärker nach Amok-Drohungen durchsuchen.

Keine Frage - Gewalt und Kriminalität nehmen bei Teilen der Jugendlichen zu. Doch wenn nun ausgerechnet diejenigen, die für die wachsende Perspektivlosigkeit der Jugendlichen maßgeblich verantwortlich sind, auf eine "verrohte" Jugend zeigen, so wollen sie damit nur die tatsächlichen gesellschaftlichen Zusammenhänge vertuschen. Wie stets sind auch in diesem Fall die Massenmedien an der Seite der bürgerlichen Politiker zu finden. Massenmedien, die Tag für Tag die Gewalt in die Wohnzimmer tragen.

Und wie man uns daran gewöhnen will, so sollen wir uns auch an den Skandal gewöhnen, daß pro Abschlußklasse in den Hauptschulen höchstens zwei Schüler eine Lehrstelle bekommen. Auch der Amok-Läufer aus Emsdetten war zuletzt als "Minijobber" in einem Baumarkt tätig.
Und während er 2004 in einem Internet-Forum für Lebenshilfe "... bitte helft mir" schreibt, streichen bürgerliche Politiker Jugendzentren und Freizeiteinrichtungen zusammen. Ihre Umverteilungspolitik von unten nach oben treibt so die Jugendlichen auch an den PC-Bildschirm, an dem sie ihren verständlichen Frust in gewaltverherrlichenden Computerspielen ablassen.

Computerspiele, in denen sich der Amokläufer von Erfurt, Robert Steinhäuser, wie auch Sebastian B. aus Emsdetten in Terroristen und Angehörige von Spezialeinheiten verwandeln, die sich rücksichtslos umbringen. Das jetzige Gejammer ist pure Heuchelei, denn die abstumpfende Wirkung scheint mir durchaus erwünscht zu sein. Die "Spiele" entsprechen dem immer offener geäußerten Ziel, daß auch die deutschen Soldaten der Bundeswehr endlich "das Töten lernen" müssen. Wenn bürgerliche Politiker jetzt ein Verbot dieser Computerspiele fordern, so muß man sich schon fragen, warum es nicht längst erfolgt ist. Daß die "Bundesprüfstelle" eine zahnlose Institution ist, das ist nicht erst seit heute bekannt.

Die Masse der Jugend ist nicht "verroht". Sie engagiert sich aktiv im Widerstand gegen den Irak-Krieg, gegen Neofaschisten und für die Freundschaft zwischen den Völkern. So sind nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) zwei Drittel der Studierenden gesellschaftlich tätig. Die Jugendlichen suchen nach Perspektiven und brauchen dazu die Hilfe und Unterstützung aller Werktätigen. Was auch sie nicht brauchen, das ist die gegenwärtige Politik, die auch auf ihrem Rücken gemacht wird.

Klaus Wallmann sen.



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