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Albernheiten - gelassen betrachtet
Leserbrief zum Kommentar "Mehr Gelassenheit" von Kristina Hofmann, FP 17.11.2006, S.4

Klaus Wallmann sen. || Datum: 17.11.2006

Albernheiten - gelassen betrachtet
Leserbrief zum Kommentar "Mehr Gelassenheit" von Kristina Hofmann, FP 17.11.2006, S.4

Zur "Liberalisierung" der Ladenöffnungszeiten und wie dabei christliche Werte vor die Hunde gehen, schrieb ich zwar erst am 27.10., doch da die "Freie Presse" dieses Thema heute wieder in den Vordergrund stellt, bleibt mir ein Kommentar nicht erspart.

Wie christliche Werte vor die Hunde gehen

Der Artikel 140 des Grundgesetzes legt zwar fest, daß u.a. der Artikel 139 der deutschen Verfassung vom 11. August 1919 (Weimarer Verfassung) Bestandteil unseres Grundgesetzes ist - "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt." -, doch da sich scheinbar niemand darum schert, will auch ich es nur erwähnt haben.

Wenden wir uns also dem heutigen "Kommentar" von Kristina Hofmann zu. "Es hätte leicht albern werden können", leitet sie ihre kommentierenden Zeilen ein, mit denen sie den Jubel auf der Titelseite fortsetzt. "Endlich", so Frau Hofmann, habe der sächsische Landtag den Händlern und Verbraucher "Klarheit" verschafft. Klarheit worüber? Kollegin Janet Grund gibt auf Seite 7 Schützenhilfe, und spricht von "lang ersehnter Rechtsicherheit".

Was vor allem "klar" und "sicher" ist, daß beweist Frau Grund in ihrem zweiten Artikel auf der gleichen Seite. "Längere Ladenöffnungszeiten haben dem Einzelhandel in der Vergangenheit nicht mehr Umsatz beschert." Warum sie dennoch immer weiter ausgedehnt werden sollen, die Antwort bleiben uns beide "Qualitätsjournalistinnen" schuldig. Klar und sicher ist aber auch, so Frau Grund, daß sie "zu Lasten der Randlagen und der kleinen und mittleren Orte gingen." Und da dort gewöhnlich nicht die großen Handelketten dominieren, ist es nur verständlich, daß bei diesem "Verdrängungswettbewerb" - sprich: Konkurrenzkampf - "besonders der kleine und mittelständische Einzelhandel ... unter die Räder" gerät. Wenn ihre Kollegin Hofmann davon spricht, daß dies dem Kunden doch egal sei, wenn nur der "gute Service" stimmt, so scheint mir das "leicht albern", denn ein "Ladensterben ... in den kleinen und mittleren Städten" dürfte den Service für den Verbraucher eher senken.

Doch zu so einem oberflächlichen Kommentar - ganz im Sinne der Befürworter längerer Ladenöffnungszeiten - muß es natürlich kommen, wenn man bewußt nicht zwischen dem großen Kapital der Handelketten und den kleinen Händlern unterscheidet. Wem diese Öffnungszeiten hauptsächlich dienen, das beweisen auch die Zahlen von Frau Grund. Danach ist der "großflächige Handel" in Südwestsachsen seit 2001 um 8 Prozent auf einen Anteil von 67 Prozent gewachsen. In Chemnitz, Zwickau und Plauen sind es sogar schon über 70 Prozent.

"Es werden die großen Ketten sein, die die Öffnungszeiten stärker ausnutzen", stellt Frau Hofmann denn auch fest und konstatiert zugleich die Chancenlosigkeit des "Tante-Emma-Ladens um die Ecke". Angeblich ist es der "Markt", der regele, "für wen sich längere Öffnungszeiten lohnen und für wen eben nicht." Die massive Lobbyarbeit der Vertreter der Handelskonzerne, die übersieht sie schlicht, für sie ist es "der Markt". Aber auch dieser Begriff soll nur den kapitalistischen Konkurrenzkampf verschleiern. Da mögen die IHK und die hinter ihr stehenden 70 Prozent der Händler der Region noch so sehr an unveränderten Öffungszeiten festhalten wollen - sie haben sich in diesen Konkurrenzkampf begeben und die meisten von ihnen werden als Verlierer daraus hervorgehen.

Zu mehr "Gelassenheit", wie sie uns Frau Hofmann empfiehlt, haben die kleinen und mittleren Einzelhändler also sicher keinen Grund, und auch wir als Kunden dürften eher Verlierer sein. Nicht nur weil die in den vergangenen Jahren auch mit Milliarden unserer Steuergelder sanierten Ortskerne zerstört werden, und die Nahversorgung im ländlichen Raum wegbricht, sondern auch weil die "fairen Preise", mit denen die Handelsmonopole derzeit noch den Konkurrenzkampf zu ihren Gunsten entscheiden wollen, in Zukunft so fair nicht mehr sein dürften. Denn ein Monopolist kann dann auch Monopolpreise diktieren, mit "Fairness" hat das absolut garnichts zu tun. Und das, liebe Frau Hofmann, sollte den Kunden, also uns allen, letztlich eben nicht egal sein.

Noch schwächer als der Hofmannsche Kommentar ist nur das Verhalten der Gewerkschaft. Sie "kritisiert" zwar die Ausweitung der Öffnungszeiten auf die Adventssonntage und stellt sich jammernd hinter(!) die Beschäftigten, die in der Adventszeit "ohnehin an der Belastungsgrenze arbeiten", doch statt diese zum Widerstand gegen diese Maßnahmen aufzurufen, die erneut wieder nur auf ihrem Rücken ausgetragen werden, fordert man von den "Arbeitgebern" lediglich einen "fairen Ausgleich" für die Mehrbelastung. Ganz bestimmt - deshalb fordern diese "Arbeitgeber" ja gerade, die Zuschläge für Arbeitszeit nach 18.30 bzw. 22 Uhr abzuschaffen. "Leicht albern" auch die gewerkschaftliche Warnung, daß es sonst für die "Arbeitgeber" schwer werden dürfte, Freiwillige zu finden. Wie Frau Hofmann die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verschleiern sucht, übersieht die Verdi-Vertreterin Schneider offensichtlich die "Reservearmee", die für den "Arbeitgeber" derzeit offiziell über 4 Millionen "Freiwillige" bereit hält. Beiden Seiten "mehr Gelassenheit" zu predigen, läuft letztendlich nur darauf hinaus, daß einer zum Schluß der Dumme ist. Metro und Co. werden es sicher nicht sein.

Klaus Wallmann sen.



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