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Die "Forschungsinstitute" und die "freie" Presse
Leserbrief zum Artikel "Konjunkturaufschwung geht am Einzelhandel vorbei", FP 01.11.2006, S.6

Klaus Wallmann sen. || Datum: 01.11.2006

Die "Forschungsinstitute" und die "freie" Presse
Leserbrief zum Artikel "Konjunkturaufschwung geht am Einzelhandel vorbei", FP 01.11.2006, S.6

Im September sank der Branchenumsatz des Einzelhandels um real 1,2 Prozent. Selbst der Handelskonzern Metro mußte im dritten Quartal Umsatzeinbußen hinnehmen. "Skepsis" macht sich breit.

In einem Leserbrief an die "Freie Presse" (natürlich nicht veröffentlicht) schrieb ich vor genau drei Monaten:
Dreimal in Folge hat uns die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) nun bekannt gegeben, daß unsere "Kauflaune" steigt und steigt und inzwischen ein Rekordniveau erreicht hat. Mit Freude berichten darüber alle bürgerlichen Massenmedien, die "Freie Presse" nicht ausgenommen.
Verschwiegen wird auch von unserer "Heimatzeitung" das kleinlaute Eingeständnis der GfK, nach dem sich dabei ein "ambivalentes Bild" zeige. Zwar würden viele der Befragten vor der Merkel-Steuer-Erhöhung gerne noch größere Anschaffungen tätigen, die Frage ist allerdings, "ob die Kaufwünsche angesichts der schleppenden Einkommensentwicklung und der ... hohen Arbeitslosigkeit auch in Kaufentscheidungen umgesetzt" werden können. Das schreibt man offensichtlich nicht gern - die freudige, patriotische Stimmung könnte noch schneller in den Keller gehen. (Zitat Ende)

Leserbrief: Über "Kauflaune", Preistreiber und Lohnräuber

So versäumten es die "freie" Presse und die anderen bürgerlichen Medien in der Folgezeit natürlich nicht, ständig irgendwelche positiv gestimmten Einzelhändler zu Wort kommen zu lassen, von denen aus verständlichen Gründen niemand zugegeben hätte, daß es seinem Laden schlecht geht, auch wenn es so wäre.

Um so eigenartiger das heute in der "Freien Presse" veröffentlichte Statement des Sprechers des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels, Pellengahr: "Wir haben nie an die Euphorie geglaubt, die von Forschungsinstituten wie GfK und Ifo verbreitet wurde." Im Gegensatz zu mir hat er es aber ausgezeichnet verstanden, diese Ungläubigkeit vor aller Welt zu verstecken.

Auch zum Thema "Ifo-Institut" schrieb ich der "Freien Presse" vor über zwei Jahren einen Leserbrief (natürlich nicht veröffentlicht), der sich mit dem FP-Artikel "Konjunktur fasst Tritt" (FP 02.08.2004) befaßte. Da in diesem Artikel auch der Präsident des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo), ein Herr Sinn, seinen Unsinn ablassen durfte und sein monatlich veröffentlichter "Geschäftsklima-Index" Erwähnung fand, hielt ich ein paar klärende Worte zu diesem so "wissenschaftlich" erscheinenden Verein und seinen Prognosen im Interesse der FP-Mitarbeiter für angebracht. Ich schrieb damals:

Karl-Heinz Brodbeck, ein ehemaliger Mitarbeiter des Ifo-Instituts, antwortete in der "taz" vom 21.10.2003 auf die Frage nach dem Maßstab, der für den Geschäftsklima-Index den Ausschlag gibt: "Am Ende entscheidet der Bauch." Die Mitglieder dieses eingetragenen gemeinnützigen Vereins sind vor allem Unternehmen aus Industrie, Bauwirtschaft und Handel, Banken und Versicherungen, Monopolverbänden und Industrie- und Handelskammern. Im Verwaltungsrat finden wir die Hypovereinsbank, verschiedene Staatssekretäre, die Deutsche Bundesbank und die EU. Damit kennen wir nun auch die "Bäuche", die hier entscheiden, was ihnen gerade am besten nützt. Bisher war es das Gerede von der schlechten Wirtschaftslage, nun ist es wieder der angebliche Aufschwung, jedesmal versehen mit "wissenschaftlichen" Weihen. (Zitat Ende)

Leserbrief zum Artikel "Konjunktur fasst Tritt", FP 02.08.2004, S.6

Es dürfte verständlich sein, daß es mich heute leicht lächelte, als ich auf der gleichen FP-Seite, auf der Herr Pellengahr seinen frisch entdeckten Unglauben gegenüber den "Prognosen" des Ifo-Instituts so deutlich zum Ausdruck bringt, eine neue "Prognose" dieses Instituts fand, nach der "die" deutsche Industrie auf Hochtouren läuft und Stellenabbau "nur noch sehr vereinzelt zu erwarten sei". Noch so eine "wissenschaftliche" Bauchgeburt, die nur beweist, daß die Zweck-Euphorie weitergeht, um das tägliche Scheitern der Berliner Regierung möglichst weitgehend zu verschleiern.

Klaus Wallmann sen.



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