rz-Logo

Eine journalistische Perle
Leserbrief zum Artikel "350.000 Arbeitslose - doch freie Stellen, die keiner will" von Grit Strietzel und Beate Kindt-Matuschek, FP 18.10.06, S.3

Klaus Wallmann sen. || Datum: 20.10.2006

Eine journalistische Perle
Leserbrief zum Artikel "350.000 Arbeitslose - doch freie Stellen, die keiner will" von Grit Strietzel und Beate Kindt-Matuschek, FP 18.10.06, S.3

Sieht man vom "Ausrutscher" der FP-Journalistin Susanne Kreutzmann ab, die am 02.08.06 ihren Artikel mit einem Foto illustrierte, dessen Unterschrift mal eben aus kubanischen Werktätigen, die ihren Präsidenten unterstützen, Exil-Cubanern machte, die in Florida Castros Rücktritt bejubeln, - ein "Ausrutscher", der trotz Hinweis nie berichtigt wurde - ist es schon eine Weile her, daß ich mich gezwungen sah, gegen schlimmere "Ausrutscher" unserer pfälzischen "Heimatzeitung" zu polemisieren.

FP-"Qualitäts"journalistin voll erwischt - Leserbrief eines rz-Lesers, der eigentlich für die "Freie Presse" geschrieben wurde

Am 18.10. jedoch schafften es die beiden FP-Journalistinnen Grit Strietzel und Beate Kindt-Matuschek wiedereinmal, mich auf die allseits bekannte Palme zu bringen. Unter der Überschrift "350.000 Arbeitslose - doch freie Stellen, die keiner will", mixten die beiden Damen einen Artikel aus subjektiven Äußerungen sogenannter Privater Arbeitsvermittler (PAV), Feststellungen von Mitarbeitern des Landesarbeitsamtes und der ARGEn und vermeintlichen Erkenntnissen der Politik. Bedient werden mit diesem Artikel all die FP-Leser, die das von bürgerlichen Politikern und deren Medien bewußt erzeugte Bild vom "faulen Langzeitsarbeitslosen" bereits verinnerlicht haben, und die, die das noch immer nicht glauben wollen.

Nachdem ich von meiner Palme wieder heruntergeklettert war, sah ich mir den Artikel etwas genauer an. Als erstes fiel mir auf, daß zu den beiden PAVs aus Chemnitz und Schwarzenberg keine Kontaktmöglichkeiten angegeben wurden. Warum nicht, wenn diese doch so viele tolle Jobs im Angebot haben? "'Ich habe 150 richtig gute Jobs im Angebot und keiner will sie haben', schimpft die Chefin des Chemnitzer Personalservice (CPS)" - und dann gibt sie nicht einmal ihre Telefonnummer an? Gut das es das Internet gibt. (Den in der FP vermißten Service finden Sie am Ende dieses Artikels.)

Anrufe bei den beiden PAVs erbrachten wie erwartet keine weiterführenden Erkenntnisse, doch zumindest erfuhr ich, daß CPS eine Website hat. (Google hatte sie nicht ans Tageslicht gefördert, doch das erklärt sich, wenn man sich den Quelltext der Website ansieht.) Auf dieser Homepage fanden sich auch drei PDF-Dateien, die das Arbeitsplatzangebot von CPS vom 17.10. beinhalteten. Aufgegliedert in regionale, bundesweite und EU-Angebote. 13 + 38 + 23 = 74. Das sind knapp 50 Prozent der von Frau Reichelt erwähnten "150 richtig guten Jobs". Dafür gibt es nur eine Erklärung, oder? Da der Artikel am 18.10. erschien, hat CPS innerhalb von nur 24 Stunden 76 ihrer Arbeitsplätze, "die keiner will", an den Mann gebracht. Womit der Artikel von Strietzel/Kindt-Matuschek eigentlich schon Makulatur geworden ist.

Die Schwarzenberger Firma hat leider keine Website - um so unverständlicher, daß die Inhaberin Anita Stieler nicht wenigstens auf die Veröffentlichung der Telefonnummer drängte. Statt dessen steht für sie fest, daß "von 100 ALG-II-Empängern ... nur 20 ernsthaft einen Job" wollen. Frau Rechenberger vom Landesarbeitsamt teilt diesen Eindruck zwar nicht, doch wenn Frau Stieler anführt, daß sie Arbeitsplätze anbietet, wo die Firmen "zum Teil ... Gehälter von 900 bis 1300 Euro bar auf die Hand" anbieten, so kann man schon ins Zweifeln kommen. Allerdings sollte man die relativierende Formulierung "zum Teil" nicht übersehen, und zum anderen stellt sich mir die Frage, wie man Nettolöhne angeben kann, wenn man die Steuerklasse der potentiellen Arbeitskraft garnicht kennen kann. Und da Frau Stieler es selbst erwähnt: auch die Entfernung zum angebotenen Arbeitsplatz, d.h. die damit verbundenen Kosten zur Überwindung dieser Entfernung, könnte die von ihr genannten tollen Gehälter weiter relativieren. Daß es in Zwickau keinen arbeitsuchenden Elektriker gibt, das kann ich sowieso nicht glauben.

Es gibt also durchaus Gründe, warum "wohl auch Anita Stieler auf Jobs sitzen bleibt, die keiner haben will". Die subjektiv ausgewählten Beispiele der beiden PAVs mögen stimmen, doch allgemeingültige Schlußfolgerungen erlauben sie nicht. Wenn sie von den FP-Journalistinnen trotzdem ins Spiel gebracht werden, so nenne ich das tendenziöse Berichterstattung, deren apologetischer Charakter nicht zu übersehen ist. So lautet der Untertitel des Artikels zwar: "Private Arbeitsvermittler schildern ihre Erfahrungen mit Langzeitarbeitslosen", doch diese entpuppen sich lediglich als negative Erfahrungen, Positives scheint es nicht zu geben.
Diese bewußte Einseitigkeit paßt ausgezeichnet zum "politischen Teil" ihres Artikels, in dem sie feststellen: "Auch in der Politik scheint man erkannt zu haben, daß nicht jeder Arbeitslose auch wirklich Interesse zeigt, einen Job anzunehmen." Dieses Statement taucht gleich zweimal auf, denn auch die völlig objektive Frau Stieler aus Schwarzenberg kommt zu der Erkenntnis: "Wer sagt, dass alle Arbeitslosen wirklich arbeiten wollen, der kann sich gern mal auf meinen Stuhl setzen. Dann denkt er anders." Doppelt genäht hält bekanntlich länger.

Doch davon abgesehen, daß "einen Job annnehmen" oder "arbeiten wollen" überhaupt nichts darüber aussagt, ob damit reguläre Arbeitsplätze gemeint sind, von denen man auch wirklich leben kann, ist der Ansatz beider Fragen völlig falsch. Nicht einmal in der "freien" Presse habe ich bisher die Behauptung entdecken können, daß "alle Arbeitslosen" einen Job suchen. Diese Behauptung ist also schlicht erfunden. Sie kann schon deshalb nicht stimmen, weil ein großer Teil der Langzeitarbeitslosen längst resigniert und alle eigenen Bemühungen eingestellt haben. Und der Grund für diese Resignation ist nicht vorrangig in diesen Menschen selbst zu suchen, sondern in diesem System, das ihren Willen gebrochen hat. Die Behauptung "alle Arbeitslosen" wurde also einzig und allein zu dem Zweck erfunden, um darauf die clementsche Demagogie der "faulen, arbeitsunwilligen oder arbeitsentwöhnten" Arbeitslosen zu plazieren, denen man deshalb noch "härter" begegnen muß.

Sollte sich die "Freie Presse" nun damit herausreden wollen, daß die beiden Journalistinnen die Sache aufgrund mangelnder Erfahrung falsch angepackt hätten, so wäre das ein mangelhaftes Argument. Denn ich gehe davon aus, daß es auch in der FP eine Redaktion und einen Chefredakteur gibt, die die Arbeit ihrer Journalisten kontrollieren, ehe diese veröffentlicht werden. "Da verlierst du den Glauben ans Gute im Menschen", wird Frau Stieler am Ende des Artikels zitiert. Der Verlust des Glaubens an das Gute in der "Freien Presse" schreitet bei mir unaufhaltsam voran.

Klaus Wallmann sen.

Kontaktadressen:
CPS-PAV Christina Reichelt, Zieschestr. 31, 09111 Chemnitz, Tel. 0371 - 90 97 19 3, Internet:

AST-Service Anita Stieler, Bahnhofstr. 14, 08340 Schwarzenberg, Tel. 03774 - 17 95 20

Ergänzung vom 25.10.2006
Im Leserforum der heutigen FP findet sich zum FP-Artikel vom 18.10. ein Leserbrief von Herrn Dittmann aus Schwarzenberg, der meinen - in meinem (nicht in der FP veröffentlichten) Leserbrief nicht geäußerten - Verdacht bestätigt. Den Verdacht nämlich, daß zahlreiche Stellenangebote bei zahlreichen PAV identisch sind, der Öffentlichkeit also ein ganz falsches Bild vorgegaukelt wird, was die wirkliche Anzahl von freien Arbeitsplätzen angeht. Der Arbeitslosenverein Schwarzenberg - in der guten Lage, vor Ort tätig werden zu können - verglich die Angebote von CPS und Stieler, und stellte fest, "dass viele Angebote ... identisch sind". Der größte Teil der Angebote richte sich an Fachleute und verlangen einen bundes- oder europaweiten Einsatz. Ganz nebenbei bemerkt Herr Dittmann noch, daß sich Frau Stieler auf Arbeitsuchende beschränkt, "welche mit einem Vermittlungsgutschein in der Tür stehen".
Auch Herr Dittmann kommt zu dem Schluß, daß mit dem Strietzelschen/Kindt-Matuschekschen Artikel "Stimmung" betrieben wird, was er an einer Aussage des stellvertretenden Geschäftsführers der ARGE Landkreis Aue-Schwarzenberg festmacht, nach der dort "nicht mehr als ein Prozent der Hartz-IV-'Wohltätigkeitsempfänger' von Sanktionen betroffen" sind, "der Rest möchte arbeiten!"

Dagegen muß die FP-Leserbriefredaktion natürlich sofort den Brief eines "Mitarbeiters eines Zeitarbeitsunternehmens" setzen - für mich nur ein euphemistischer Ausdruck für modernen Handel mit Leibeigenen -, der ebenso subjektiv wie Frau Stieler und die CPV argumentiert, und damit erneut die alten hetzerischen Parolen gegen die Arbeitslosen stützt. Wenn diese Taktik der FP nicht Methode hat, dann weiß ich nicht was Methode ist. Und da ja auch die FP gern über "Werte" parliert: Auch heute, nach bestimmt einer ganzen Reihe von Leserbriefen im Sinne von Herrn Dittmann und mir in der Leserbriefredaktion angekommen sind, vermisse ich bei der "Freien Presse" jeden Anflug von Scham.

Klaus Wallmann sen.

Leserbrief an die "Randzone" zum Leserbrief zum Artikel "350.000 Arbeitslose - doch freie Stellen, die keiner will" von Grit Strietzel und Beate Kindt-Matuschek, FP 18.10.06, S.3



Zurück Ihre Meinung ist gefragt. Zum Anfang