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RWE will AKW Biblis weiterbetreiben
Leserbrief zur Nachricht "Empörung über Stromkonzerne", FP 28.09.2006, S.5

Klaus Wallmann sen. || Datum: 28.09.2006

RWE will AKW Biblis weiterbetreiben
Leserbrief zur Nachricht "Empörung über Stromkonzerne", FP 28.09.2006, S.5

"Empörung über Stromkonzerne" überschreibt die "Freie Presse" die 14-zeilige(!) Nachricht, nach der der Energiekonzern RWE eine längere Laufzeit des hessischen AKW Biblis A bis Ende 2011 beantragt hat. Der "Sturm der Entrüstung" tobt laut FP bei SPD und Grünen. Daß der Antrag auch bei Umweltverbänden und Atomkraftgegnern auf Empörung stößt, das paßte wahrscheinlich nicht mehr in die überaus kurz gehaltene Nachricht.

Warum Sozialdemokraten und Grüne so auf der Palme sind, ist logisch nicht nachvollziehbar. Zwar waren sie es, die das "Atomausstiegsgesetz" - nach dem das 32 Jahre alte Biblis A im Frühjahr 2008 vom Netz vom Netz gehen müßte - beschlossen haben, doch die rot-grüne Regierung war es auch, die die Hintertür für solche Anträge geschaffen hat. Vom Gesetz gedeckt, verlangt RWE nun lediglich, daß die nicht produzierte Strommenge des nie in Betrieb gegangenen AKW Mülheim-Kärlich mit der Laufzeit von Biblis A und B verrechnet wird. SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber mag RWE einen "dreisten, doppelten Vertragsbruch" vorwerfen - die Konzernchefs wird das wenig jucken. Und wenn Herr Gabriel, z.Z. Bundesumweltminister, von einer Prüfung des Antrags "nach Recht und Gesetz" schwätzt - was "mehrere Monate dauern" könnte - so dürfte auch das in den Ohren der RWE-Manager nicht bedrohlich klingen.

Hessens Umweltminister Dietzel (CDU) fordert dagegen eine "zügige und ideologiefreie Prüfung durch die Bundesregierung". Wie "ideologiefrei" die Argumentation von RWE ist, das beweist deren Begründung des Antrags. Während sie ihren Kunden Jahr für Jahr die Energiepreise hochschrauben, spricht man jetzt von "preisdämpfenden Effekten". Und während in die alten Atomanlagen nur noch das Notwendigste investiert wird, spricht man jetzt von notwendigen "Investitionen in die Sicherheit des Reaktors". Dabei muß man erwähnen, daß es in den vergangenen dreißig Jahren allein in Biblis A und B insgesamt 737 meldepflichtige Störfälle gab. Darunter fällt auch der gefürchtete "Notstromfall" am 8. Februar 2004 in Biblis B. Völlig "ideologiefrei" behaupte ich, daß der Grund für den RWE-Antrag vor allem darin liegt, daß die Altanlagen besonders profitabel sind, weil die Investitionen längst abgeschrieben sind, und neue kaum noch ins Gewicht fallen.

Ebenso "ideologiefrei" die RWE-Behauptung, daß der Weiterbetrieb von Biblis A der "Einhaltung der Klimaschutzziele in Deutschland" diene. Das mag auf der ideologischen Schiene der offenen Bestrebungen der Energiekonzerne zum weltweiten Ausbau der Atomkraft liegen, die ebenfalls mit dem "Klimaschutz" begründet werden, mit der Wahrheit hat das allerdings wenig zu tun.
Bereits beim Bau von AKWs, bei der Förderung von Natururan und der Herstellung der Brennstäbe werden große Energiemengen verbraucht. Zugleich wird soviel CO2 freigesetzt wie bei einem Kohlekraftwerk modernster Bauart. Bei der anschließenden - Jahrtausende dauernden - Lagerung der Nuklearabfälle geht pro AKW soviel Energie drauf, wie es während seiner Laufzeit lieferte. Allein von der Energiebilanz also eines der unsinnigsten Verfahren überhaupt. Hinzu kommen allerdings noch die nicht kleinzuredenden Gesundheitsschäden und Gefahren, die bereits im "Normalbetrieb" existieren.

Und obwohl Wissenschaftler in einem internen Entwurf für eine neue UN-Klimastudie zu dem Ergebnis kommen, daß sich der Umschlag in die globale Umweltkatastrophe beschleunigt, daß sich die Durchschnittstemperaturen auf der Welt bis zum Jahr 2100 um drei Grad Celsius erhöhen werden, daß Deutschland schon in den kommenden Jahrzehnten unter bisher unbekannten Hitzewellen und Dürreperioden zu leiden hat, setzen sich die internationalen Monopole mit ihren profitorientierten Forderungen nach forciertem Ausbau der Atomkraft völlig "ideologiefrei" über all diese alarmierenden wissenschaftlichen Erkenntnisse hinweg.

Wie sehr die Monopole dabei auf die tätige Hilfe der bürgerlichen Politiker setzen, das macht eine Äußerung von RWE-Power-Chef Zilius deutlich. Er erwartet eine "Neudefinition" der künftigen Rolle der Kernenergie und hält es deshalb "für falsch, ... durch die vorzeitige Stilllegung von Kernkraftwerken vollendete und irreversible Tatsachen zu schaffen". Der Herr weiß, wessen Interessen die "Volksparteien" und "Volksvertreter" verpflichtet sind. Daher sein offen zur Schau getragener Optimismus, wie auch der von EnBW und Vattenfall, die ähnliche Vorstöße für die Atommeiler Neckarwestheim I und Brunsbüttel angekündigt haben.

Die Organisation "Robin Wood" fordert zu Recht die sofortige Stilllegung des Uraltreaktors Biblis A, und mehrere Umweltverbände und Anti-Atomkraft-Initiativen rufen zum gemeinsamen Protest gegen die Bestrebungen der Energiekonzerne auf. Denen kann man die Suppe allerdings nur versalzen, wenn möglichst viele Betroffene diesen Protest aktiv unterstützen. Und - völlig ideologiefrei - betroffen sind wir alle - auch Journalisten der "freien" Presse.

Klaus Wallmann sen.



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