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Gammelfleisch: Kein Ende in Sicht
Leserbrief zum Artikel "Gammelfleisch-Skandal eventuell noch schlimmer", FP 18.09.2006, S.4

Klaus Wallmann sen. || Datum: 18.09.2006

Gammelfleisch: Kein Ende in Sicht
Leserbrief zum Artikel "Gammelfleisch-Skandal eventuell noch schlimmer", FP 18.09.2006, S.4

FP-Journalist Stefan Uhlmann vermutet heute auf Seite 4, daß der "Gammelfleisch-Skandal eventuell noch schlimmer" ist, als bisher bekannt. Das Wörtchen "eventuell" mußte er wahrscheinlich aus rechtlichen Gründen einfügen, denn seit im Sommer bekannt wurde, daß bis zu 50 Tonnen verdorbenes Fleisch der Firma Tiefkühlkost Georg Bruner aus München an Abnehmer in ganz Deutschland sowie in neun EU-Staaten geliefert wurden, vergeht faktisch keine Woche, ohne daß die "freie" Presse über neue Skandale berichten muß, so daß die "Vermutung" längst Realität ist.

Inzwischen ist die Zahl der Gammelfleisch-Tonnage bundesweit auf 1.500 Tonnen gestiegen, und dennoch ist es "erst die Spitze des Eisberges", meint Jürgen Abraham, der Vorsitzende der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungswirtschaft. "Wir müssen mit der zehnfachen Menge rechnen." Wieviel davon bereits als Leberkäse, Bratwurst, Frikadellen, Chicken Nuggets oder Döner auf unseren Tellern gelandet ist - diese Vorstellung überlasse ich schaudernd dem Leser.

Der Journalist der "Freien Presse" - einer Zeitung, die uns angeblich gern über Hintergründe und Ursachen informiert - beschäftigt sich dann ausführlich mit den Reaktionen bürgerlicher Politiker, die ich so oder ähnlich nach jedem "Skandal" hören und lesen kann. Von einer Ausweitung staatlicher Lebensmittelkontrollen ist die Rede, von mehr Kontrolleuren, vom sogenannten "Verbraucherinformationsgesetz", das allerdings noch immer "stark eingeschränkt" sei, von Berufsverboten für "schwarze Schafe". Bereits im Dezember 2005 waren sechzig Betriebe in den damaligen Skandal verwickelt, und so kann ich dem Geschäftsführer von "Foodwatch" nur zustimmen, wenn er erklärt: "Es geht nicht um schwarze Schafe, es geht um eine große Herde schwarzer Schafe mit einigen weißen Schafen dazwischen."

Und so ist denn auch der Lebensmittelskandal - der keinesfalls neu ist, und der auch nach dem Dezember 2005 nicht bewältigt war, nur weil in der "freien" Presse nichts mehr darüber geschrieben wurde - ein weiterer Beleg einer immer größer werdenden Bedrohung der gesamten Lebensbedingungen der Bevölkerung durch die Herrschaft der international agierenden Monopole.

Bezeichnend ist auch die Tatsache, daß viele "Skandale" von den Werktätigen und nicht von den Behörden aufgedeckt werden. Wie z.B. bereits im März 2005, als Mitarbeiter der Supermarktkette Real (METRO-Group) berichteten, daß Hackfleisch, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen war, neu verpackt und etikettiert wurde, um es im Markt weiter zu verkaufen.
Aufgrund von Mitarbeiterangaben berichtete "Report Mainz" (19.12.2005), daß große fleischverarbeitende Betriebe wie der Konzern Tönnies über Zweigfirmen verdorbenes "mariniertes" Fleisch in Umlauf gebracht hatten. "Mariniert", um die unappetitliche graue Farbe und den unangenehmen Geschmack zu überlagern.

Abgelaufenes Fleisch wird neu etikettiert, tiefgefrorenes wird aufgetaut, um es als Frischfleisch zu verkaufen. Sogenanntes Separatorenfleisch wird nicht gekennzeichnet. Statt dessen vermischt man es mit Enzymen, Eis und Stärke, preßt es zu "Formfleisch" und verkauft es uns z.B. als Vorderschinken oder Chicken Nuggets.
Schlachtabfälle werden zu Wurstwaren verarbeitet, Fleisch zur Wurstherstellung wird mit Blutplasma gestreckt, weil das billiger ist. Um das Verkaufsgewicht von Fleisch zu erhöhen, werden Wasserbinder aus hydrolysiertem Bindegewebe, Dickungs-, Bindemittel sowie weitere "Zusatzstoffe" und Wasser in das Fleisch gespritzt.

Genug geekelt?

Dann lauschen Sie nun der Bundesregierung. Die stellt nämlich fest, daß verdorbenes Fleisch zwar unschön, aber "nicht gesundheitsgefährdend" sei. Also alles garnicht so schlimm? Im Internet finden sich jedoch genügend Aussagen von Experten, die dieser regierungsamtlichen Verharmlosung entschieden widersprechen. Und auch die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. So teilte der bayerische Flüchtlingsrat im Dezember 2005 mit, daß an mehrere staaatliche Unterkünfte von Asylbewerbern Lebensmittelpakete mit Hähnchenbrust in Tiefkühlpackungen ausgeliefert wurden, deren Haltbarkeitsdatum schon seit Oktober abgelaufen war. In München und Neuburg an der Donau mußten Asylbewerber wegen Übelkeit und starker Schmerzen das Krankenhaus aufsuchen. "Nicht gesundheitsgefährdend"?

Der "Evangelische Entwicklungsdienst" (EED) berichtete am 16.09., daß große Mengen tiefgefrorenes, offensichtlich verdorbenes Fleisch nach Afrika exportiert werden. Eine EED-Studie aus Kamerun belegt, daß Hähnchenteile von dubiosen europäischen Handelsfirmen nach Westafrika verkauft werden - ohne Zollkontrolle, ohne Angaben zur Haltbarkeit, ohne Verpackungsdatum. Fleischteile würden, bevor sie völlig unbrauchbar für den menschlichen Verzehr seien, in arme Länder exportiert, so Ernährungsexperte Francesco Mari, der steigende Geflügelexporte aus der EU nach Afrika konstatiert. "Grund hierfür ist vor allem die Überproduktion in den reichen Staaten."

Eine Überproduktion, die begleitet ist von einer immer schlechteren Qualitität und dem Bestreben, selbst mit unverwertbaren Abfällen Maximalprofite zu erwirtschaften. Der schon erwähnte Geschäftsführer von "Foodwatch" verwendet dafür lieber den Begriff "Gewinnspanne", doch auch er macht deutlich, daß mit dem Verbraucherinformationsgesetz oder höheren Strafen das Problem nicht gelöst werden kann. Wenn er im nächsten Atemzug jedoch ein erweitertes Unternehmensstrafrecht fordert, so macht er damit nur deutlich, daß auch er die wahren - systembedingten - Ursachen nicht erkennt oder nicht erkennen will.

So sehr es zu begrüßen ist, daß die Wachsamkeit in der Bevölkerung gewachsen ist, so berechtigt die Forderungen nach wirksameren Kontrollen und härteren Strafen sind - die auf der Straße laut werden müssen -, so sehr muß man auch klarstellen, daß es diese "Skandale" erst dann nicht mehr geben wird, wenn die Ursachen nicht mehr existieren. D.h. wenn Waren nicht mehr um des Profites willen hergestellt werden.

Klaus Wallmann sen.

Anmerkung: Wer über diesen "Skandal" und seine Erscheinungen im Jahre 1844 informieren möchte, den verweise ich auf folgenden Artikel:
Widerlich und kriminell



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