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Leserbrief zum Terroralarm in Deutschland

Klaus Wallmann sen. || Datum: 23.08.2006

Leserbrief zum Terroralarm in Deutschland

Erst tappte das Bundeskriminalamt (BKA) drei Wochen im Dunkeln, in denen sogar die Möglichkeit erwogen wurde, daß es sich bei den "Kofferbomben" lediglich um einen üblen Scherz handeln könnte. BKA-Chef Ziercke sprach damals lediglich von einer "massiven Drohgebärde". Am Samstag jedoch schlugen die "Terroristen-Fahnder" urplötzlich zu und verhafteten einen Kieler Studenten libanesischer Herkunft.

Wie es zu dem "Fahndungserfolg" kam, bleibt unklar. Die bundesweit verbreiteten Fahndungsbilder waren so unscharf, daß sie kaum dazu beigetragen haben dürften. "Verunsicherung und Fahndungsdruck", so BKA-Chef Zierckes nebulöse Aussage, hätten zur Festnahme geführt, und, wie man inzwischen weiß, der Hinweis des libanesischen Geheimdienstes.

Die Beweislage ist nach wie vor dürftig. Fraglich ist daher auch, woher die Fahnder plötzlich die Überzeugung hernehmen, daß hinter den beiden angeblichen Attentätern ein ganzes "terroristisches Netzwerk" steckt. Zur Begründung wird angeführt, daß nur so eine gleichzeitige Explosion möglich gewesen wäre. Was an zwei Weckern, die als Zeitzünder auf dieselbe Zeit eingestellt waren, eine "gute logistische Vorbereitung" sein soll - wie Generalbundesanwältin Harms feststellte - das bleibt mir unverständlich. Und wenn die "logistische Vorbereitung" so toll war wie kolportiert, so ist es auch nicht zu verstehen, daß die Bomben nur aufgrund eines "handwerklichen Fehlers" nicht explodierten.

Viel verständlicher ist dagegen die nach der Verhaftung des libanesischen Studenten einsetzende pausenlose Berichterstattung der "freien" Presse und der anderen bürgerlichen Medien, bei der man den Eindruck gewann, als ob sie es auf eine regelrechte "Terror"-Hysterie abgesehen hätten. Bombenalarme in Hamburg, Bonn, Koblenz, Ludwigshafen und Magdeburg, die sich allesamt als Luftnummern erwiesen, trugen ihren Teil dazu bei.

Sofort nach der Verhaftung am Samstag meldete sich auch wie erwartet der Innenminister zu Wort und forderte erneut die Intensivierung der Videoüberwachung. Die Deutsche Bahn stand ihm nur Stunden später zur Seite, und kündigte die Aufrüstung ihrer Bahnhöfe mit weiteren Kameras an. Noch im September will Schäuble die umstrittene gemeinsame "Anti-Terror-Datei" von Polizei und Geheimdiensten durchsetzen. Und natürlich war auch wieder vom Einsatz der Bundeswehr im Inneren die Rede - eine Forderung, die schon im Zusammenhang mit dem Terroralarm in Großbritannien erneut und vehement gestellt wurde.

Wie schon in London, sollte man auch beim deutschen Terroralarm den Zeitpunkt der Vorgänge berücksichtigen.

Zum Terroralarm in Großbritannien

Im krassen Gegensatz zu aktuellen Umfragen, die die breite Ablehnung des Einsatzes der Bundeswehr im Nahen Osten in der Bevölkerung belegen, verkündete die Bundesregierung genau dazu "ihre Bereitschaft". Die angeblich von libanesischen Terroristen geplanten Anschläge kommen nun genau den Journalisten und Experten gelegen, die uns in Leitartikeln und Kommentaren nahelegen wollen, daß man das israelische Vorgehen jetzt "viel besser verstehen" könne.

Reaktionäre Anschläge gegen die Bevölkerung - welchen Landes auch immer, und von wem auch immer - sind natürlich abzulehnen. Doch jeder gute Kriminalist sucht nach dem Motiv einer Tat, nach dem, der davon profitiert. Von einem Klima der Angst vor dem Terror profitieren die, die den weiteren Abbau bürgerlich-demokratischer Rechte und Freiheiten wollen, die Vorwände für eine weitere Faschisierung des Staatsapparats brauchen, und die, die derzeit den Einsatz deutscher Soldaten im Nahen Osten zu rechtfertigen suchen.

Klaus Wallmann sen.

Nachtrag vom 24.08.2006

Waffenexperte Alexander S. Kekulé schreibt in einer Analyse für die Mittwochsausgabe des Berliner "Tagesspiegel", die in deutschen Regionalzügen gefundenen "Bomben" seien "so dilettantisch gebaut" gewesen, "dass sie kaum größeren Schaden anrichten konnten". Weiter schreibt Kekulé in seinem Beitrag: "Ein Entzünden der außen angebrachten Benzingemische hätte die ziemlich stabilen Propangasflaschen wohl kaum zur Explosion gebracht." Selbst wenn die Zündung geklappt hätte, "hätte es in den Waggons zwar eine gewaltige Stichflamme gegeben, eine bombenähnliche Detonation wäre jedoch höchst wahrscheinlich ausgeblieben". Es sehe "alles nach einem schlecht vorbereiteten Angriff durch Amateure" aus und nicht nach einem Anschlag im Muster von al-Qaida.



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