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Leserbrief zu den offiziellen Arbeitslosenzahlen vom Juli

Klaus Wallmann sen. || Datum: 03.08.2006

Leserbrief zu den offiziellen Arbeitslosenzahlen vom Juli

"Der Arbeitsmarkt sorgt für Überraschung - Arbeitslosigkeit unerwartet gesunken" - so titelte die "Freie Presse" am 2. August. Mit "Überraschung" ist auch der Leitartikel von Peter Bretschneider überschrieben, und ich war wirklich überrascht, wie mißtrauisch der Leitartikler diesmal die Nürnberger Zahlen kommentierte. (Vielleicht die Folge meiner vier vorangegangenen Leserbriefe?)
"Schön wäre es ja", meint er, um dann selbst einige "Deutungen" anzuführen, die am "Lack der Statistik aus Nürnberg so manchen Kratzer hinterlassen". Zum Beispiel die wachsende Zahl von "Minijobs oder Ein-Euro-Jobs" oder die älteren Arbeitslosen, die sich "frustriert" aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen haben.

Alles richtig, lieber Herr Petersohn, doch auch wenn Herr Müntefering sich "die glücksverheißende Entwicklung ... gar nicht so recht" erklären kann, sollte das einem "Qualitätsjournalisten" nicht ebenso gehen.

Offiziell sank die Zahl der Arbeitslosen im Juli um 12.000, entgegen den Voraussagen zahlreicher "ausgewiesener Kenner der Szene". Grund genug für BA-Chef Weise zu verkünden, "dass die konjunkturelle Erholung den Arbeitsmarkt wohl erreicht hat". Zweifel sind berechtigt, denn Weises "Trendwende unter Vorbehalt" ist wiedereinmal "hausgemacht". Da der Stichtag auf die Mitte des Monats Juli vorverlegt wurde, lag dieser vor dem vergleichsweise späten Ferienbeginn. So schlugen die sich arbeitslos meldenden Schulabgänger nicht im Juli zu Buche, doch wie der Volksmund weiß, ist aufgeschoben nicht aufgehoben.

Der WM-Effekt - eh schon maßlos überschätzt - ist schon verpufft. 25.000 der diesbezüglich geschaffenen Beschäftigungsverhältnisse sind bereits wieder beendet. Der Großteil endete jedoch nicht mit dem Endspiel am 09. Juli, sondern erst nach dem Nürnberger Stichtag, so daß auch diese nicht in der Juli-Statistik landeten. Allein sie hätten die "positive Fügung" zweimal von den Titelseiten der bürgerlichen Presse verschwinden lassen.

Wenn die offizelle Arbeitslosenzahl gegenüber dem Vorjahr saisonbereinigt um 451.000 zurückging, so sollte man nicht vergessen, daß davon allein 300.000 arbeitslose und arbeitsuchende Hartz-IV-Betroffene sind, die per "Ein-Euro-Jobs" aus der Statistik gefegt wurden. 300.000 angeblich verschwundene Arbeitslose, die darüberhinaus als Lohndrücker eingesetzt werden.
Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist seit Jahresanfang von 58 auf 65 Prozent gestiegen. Dieser - in meinen Augen wichtigste - Aspekt der Nürnberger Statistik beweist nur eines: daß das kapitalistische System die Massenarbeitslosigkeit nicht beseitigen kann, und daß die Monopolpolitiker, all ihren geschwollenen Reden zum Trotz, dies auch garnicht wollen.

Der derzeitige "Aufschwung", der angeblich nun auch den Arbeitsmarkt erreicht, ist trügerisch und wird kurzlebig sein. Um der erhöhten Merkel-Steuer ab 1. Januar kommenden Jahres zu entgehen, werden z.Z. tatsächlich Aufträge vorgezogen, u.a. im Bausektor, der sich auch noch über gutes Wetter freuen kann. Doch wenn schon heute bürgerliche Wirtschaftsexperten darauf hinweisen, daß sich das "Wirtschaftswachstum" von derzeit 1,8 auf 1,0 Prozent im nächsten Jahr verringern wird, so ist der "Aufschwung" wohl eher mit einem Strohfeuer zu vergleichen.

Wenn Frau Merkel, z.Z. Bundeskanzlerin, an einen sich fortsetzenden Aufschwung "glaubt", so kann man ihr das verzeihen. Zum einen gehört sie einer "christlichen" Partei an, zum anderen gehört Zweckoptimismus und Demagogie zu ihrem Job. Der einzige "Aufschwung" seit dem Antritt ihrer Regierung besteht in der Zahl der von den Kapitalisten bis zum heutigen Tag angekündigten Vernichtung von über 800.000 Arbeitsplätzen.

Klaus Wallmann sen.

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