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Leserbrief zum Baring-Vortrag im "Käthe-Kollwitz-Gymnasium" Zwickau

Klaus Wallmann sen. || Datum: 13.06.2006

Leserbrief zum Baring-Vortrag im "Käthe-Kollwitz-Gymnasium" Zwickau

Dossier Patriotismus-Debattesh. auch: Dossier Patriotismus-Debatte

Gestern fand im "Käthe-Kollwitz-Gymnasium" Zwickau (KKG) erneut eine Veranstaltung der Reihe "Schule im Dialog" statt, die wieder von der Konrad-Adenauer-Stiftung gesponsort wurde. Gastredner war diesmal Prof. Dr. Arnulf Baring, ein Mann, der "Ostdeutschland" schon gern mal in "Mitteldeutschland" umbenennt, da die ostdeutschen Gebiete im heutigen Polen lägen. "Auf längere Sicht werden die Deutschen sich dieser Gebiete wieder erinnern. Es wird selbstverständlich werden, nicht mehr die polnischen Namen zu benutzen, was eine Form von Sklavensprache ist, eine gehemmte, unfreie Untertanen-Mentalität zeigt." ("Die Welt" vom 08.10.1990) Vielleicht hat ihn Peter Glotz deshalb eines "unklaren Patriotismus" geziehen.

Ein Mann - nach Aussage der einführenden KKG-Mitarbeiterin ein renommierter Zeithistoriker, Politologe und Publizist - der dem größten Verbrecher aller Zeiten durchaus positive Aspekte abgewinnen kann.
"Der Hitler hat ja in einem Maße dieses Land in Bewegung gebracht, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Er hat in den 30er Jahren, was bis in die 40er, 50er - man kann sagen - in die 60er Jahre weitergewirkt hat, den Leuten einen Elan vermittelt, der vollkommen von uns gewichen ist." Wenn auch nur "ein Bruchteil" dessen für die Bundesrepublik mobilisiert werden könnte, so der Herr Professor am 09.11.2003 im ZDF-"Nachtstudio", "wären wir aus allen Schwierigkeiten raus".

Und während ein "Nachtstudio"-Redakteur gegenüber der TAZ bekundete, er würde Baring nicht wieder einladen, weil er dessen Äußerungen indiskutabel fand und "der Verbreitung solcher Meinungen keine Plattform" geben wolle, hält die Führung des humanistischen Zwickauer Gymnasiums den Mann scheinbar für ausreichend prädestiniert, um ihn auf die ihnen anvertrauten Schüler loszulassen. Herr Baring kam nach eigenem Bekunden gern, denn diesmal konnte er sich sicher sein, daß seine Gastgeber kein Fall für den "Verfassungsschutz" sind - wie im März diesen Jahres der Schulverein zur Förderung der Russlanddeutschen in Ostpreußen e.V.

Wie die "BILD"-Zeitung (05.04.2006) kündigte auch das KKG Herrn Baring als "Deutschlands klügsten Kopf" an, als einen brillianten "Erzähler". Für den Beweis der zweiten Behauptung sorgte er mit seiner knapp einstündigen "Erzählung". Wer die Artikel des Professors nicht kannte, für den mag diese sogar interessant gewesen sein, für den Rest war es die Wiederholung längst bekannter Ansichten Barings.

Natürlich durfte da der "berühmte" - und auch vom KKG hervorgehobene - FAZ-Artikel vom 19.11.2002: "Bürger auf die Barrikaden!" nicht fehlen.
"Die Geduld der Deutschen ist, wenn nicht alles täuscht, am Ende", schrieb er damals, und seine Ansichten scheinen sich nicht geändert zu haben. "So wie bisher geht es auf keinen Fall weiter. Die Situation ist reif für einen Aufstand gegen das erstarrte Parteiensystem. Ein massenhafter Steuerboykott, passiver und aktiver Widerstand, empörte Revolten liegen in der Luft. Bürger, auf die Barrikaden! Wir dürfen nicht zulassen, dass alles weiter bergab geht, hilflose Politiker das Land verrotten lassen." Er spricht von einer "drohnenhaften Herrschaftskaste" - ohne zu bemerken, daß er selbst dazugehört.

Er bemerkt auch nicht den Widerspruch in seiner Argumentation, wenn er die Staatsverschuldung dann damit erklärt, dass "wir seit drei Jahrzehnten über unsere Verhältnisse gelebt haben und daher kräftig sparen, die Ansprüche aller Gruppen und Schichten eine Zeit lang reduzieren müssen." Danach sind die Bürger schuld und müssen durch Verzicht diese Staatsverschuldung beseitigen. Baring trifft sich an dieser Stelle mit der Initiative "Chancen für Alle" und dem Bundesbankpräsidenten, die zur gleichen Einschätzung von Ursachen und Medizin kommen.
So ist es denn auch nicht verwunderlich, wenn er konstatiert: "Wir brauchen dringend mehr Wettbewerb, überall und allenthalben. Nur wenn uns diese Wiederbelebung der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gelingt, hat Deutschland eine Chance der Erneuerung." Ein Satz, den Merkel und Hundt ohne Bedenken unterschreiben würden.

Sein "Bürger auf die Barrikaden!" ist denn auch längst nicht so beunruhigend gemeint, wie es die KKG-Moderatorin zu glauben scheint. Denn spätestens nach seinem Interview in der "WELT am SONNTAG" vom 28.12.2003 kann ein jeder wissen, daß Herr Baring seinen Barrikaden-Ruf nur "symbolisch" gemeint hat. Dieser Herr setzt mehr auf solche "Bürgerbewegungen" wie dem Liberalen Netzwerk, der "Initiative Neuen Sozialen Marktwirtschaft" (INSM), dem Bürgerkonvent oder dem Konvent für Deutschland.

Der FAZ-Artikel ist in Wahrheit ein Brandartikel, der den Zustand der Republik vor allem als SPD-verschuldeten Notstand ausgeben will. Doch die Attacken, die der Fackelträger der neuen Rechten gegen die damalige rot-grünen Regierung ritt, sind vordergründig. Ihm geht es vor allem darum, die Krise der westlichen Industriestaaten in eine Krise der Demokratie umzumünzen. Seine "erzählerischen" Ausführungen im KKG zu diesem Thema glichen sich mit denen im FAZ-Artikel wie ein Ei dem anderen.

"Die heutige Lage zeigt, bei einigen Verschiedenheiten, Ähnlichkeit mit der Krise am Anfang der dreißiger Jahre. Nicht von ungefähr wird Schröder in diesen Tagen immer wieder mit Brüning verglichen.
Es gibt Parallelen: die Selbstentmachtung des Parlaments, die emotionale Distanz der Bevölkerung zur Republik. Aber anders als damals kennt das Grundgesetz keinen Artikel 48, der seinerzeit jahrelang die krisengeschüttelte Republik am Leben hielt. Es scheidet also heute die Möglichkeit aus, mit Hilfe präsidialer Notverordnungen erforderliche, schmerzliche Reformen ohne das Parlament in die Wege zu leiten."

"Niemand wird heute eine demokratische Diktatur fordern. Aber was wird, wenn die normalen Verfahren nicht mehr greifen? Wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, ob die Verfassung von 1949 mit ihrer vorsichtig ausgeklügelten Machtverteilung nicht jede energische Konsolidierung Deutschlands verhindert."

"... auch die Verfassung muß jetzt endlich auf den Prüfstand."

"Vielleicht brauchen wir einen stärkeren Bundespräsidenten, der überfällige Reformen per Notverordnung in Kraft setzen kann."

Das alles macht deutlich, daß es Herrn Baring bei seinem Barrikaden-Ruf nicht um eine außerparlamentarische Opposition geht, sondern unverhohlen um eine "demokratische Diktatur", um eine Verfassungsänderung, die die Machtverteilung innerhalb des föderalen demokratischen Systems ändern soll. Wie im Polit-Bauchladen von Sabine Christiansen, durfte Baring nun erneut und unwidersprochen in einem humanistischen Gymnasium eine Verfassungsänderung fordern.

Auch mit seinen Ausführungen zur Ausländer-Debatte blieb sich der Professor treu. Wie im "BILD"-Gespräch mit "Deutschlands klügstem Kopf" am 05.04.06 hält er die bisherige Integrationspolitik für gescheitert.
"Gewaltverbrechen, Asyl- und Sozialabzocke, Drogenkriminalität! Wer ist Schuld, die Ausländer oder wir? Wieso gibt es fast ausschließlich Probleme mit Türken, Arabern, Albanern und Rußlanddeutschen?", so fragte damals die BILD. Wäre Herr Baring ein kluger Kopf, so hätte er bemerken müssen, daß er sich den falschen Fragesteller ausgesucht hat. Doch Herr Baring, der Wissenschaftler, antwortet. "Das hat möglicherweise mit der hohen Gewaltbereitschaft in diesen Volksgruppen zu tun. Auch der politisch aufgeladene Islamismus spielt eine verhängnisvolle Rolle, man denke nur an die unerträgliche, nicht hinnehmbare Unterdrückung der Frauen."
Während er sich über die Diskriminierung der Frauen erregt, verbreitet er im gleichen Atemzug Rassentheorien über "gewaltbereite Volksgruppen". Ein kluger Kopf?

Die Vorgänge an der Rütli-Schule in Berlin sind für Herrn Baring der wissenschaftliche Beweis dafür, "daß die außerordentlich freundliche Aufnahme- und Zuzugspraxis ein Fehler war." Pech für den Herrn Professor, daß auch in Gardelegen (Sachsen-Anhalt) ein Lehrer-Kollegium die weiße Fahne hißte, weil sie von Schülern bedroht wurden. Pech deshalb, weil dort eben nicht 80 Prozent Zuwandererkids lernen. Dort gibt es keinen einzigen ausländischen Schüler.

Beschäftigt man sich mit den Aussagen des laut KKG "bekannten" Historikers Baring zur Ausländer-Debatte, so wird man unweigerlich an Heinrich von Treitschke erinnert. Von dem stammt der berühmt-berüchtigte Satz "Die Juden sind unser Unglück!", der sich ab 1927 als Fußleiste auf jeder Titelseite des primitiven antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer" von Julius Streicher findet.
Geschrieben hat Treitschke diesen Satz in seinem Artikel "Unsere Aussichten" - zu finden in jeder gutsortierten Bibliothek. Vielleicht wird mancher Leser überrascht sein, daß dieser Artikel eben kein vor antisemitischem Haß überlaufendes Nazi-Pamphlet ist, sondern eine sehr akademisch gehaltene Darlegung, warum die Juden in Deutschland nicht integrierbar sind. Nach der Lektüre wird der Leser jedoch auch erkennen, daß die "Argumente" der heutigen Debatte weder originell noch neu sind. Und wenn er dann den Begriff "Juden" durch "Ausländer" ersetzt, so dürfte noch deutlicher werden, wie gefährlich nahe die Debatten von 1880-1890 den aktuellen sind. (Zitate siehe unten)

Einer der wenigen protestierenden Nichtjuden - kein Judenfeind, aber auch kein Judenfreund - war der bekannte Althistoriker Theodor Mommsen. Treitschke habe in den Preußischen Jahrbüchern nicht nur das "Evangelium der Intoleranz" gepredigt, sondern auch der Bewegung - und damit meinte er nicht nur den Antisemitismus, sondern auch den grassierenden Antiliberalismus - den "Kappzaum der Scham" abgenommen. In seiner Replik "Auch ein Wort über unser Judenthum" wirft er Treitschke vor, der "rechte Prophet" eines um sich greifenden Massenwahns zu sein, Unfrieden zu schüren und einen "Bürgerkrieg" schlimmster Sorte in der Gesellschaft zu entfesseln.

Julius H. Schoeps schrieb zum damaligen Berliner Antisemitismusstreit: "Zugleich deutet sich hier bereits eine Entwicklung an, die wir heute zu Recht mitverantwortlich machen für die Ausbreitung und Radikalisierung des Antisemitismus, den Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus und letztlich auch für Auschwitz und den Massenmord an den Juden." (DIE ZEIT, 30.10.2003)

Soviel zu Herrn Prof. Dr. Arnulf Baring und seinen "Erzählungen".
Seinem 60-minütigen Auftritt in der KKG-Veranstaltungsreihe "Schule im Dialog" schloß sich eine dreißigminütige Diskussion an, bei der die Antworten des Herrn Professors selbst zwanzig Minuten in Anspruch nahmen. Statements und längere Ausführungen verbat sich die KKG-Moderatorin von Anfang an, so daß insgesamt von "Dialog" und "Diskussion" nur mit viel Wohlwollen die Rede sein kann. Nach Rößler, Jesse und nun Baring wäre es vielleicht hilfreich - und auch demokratisch - für die "Dialog"-Reihe, mal eine andere politische Farbe ins Spiel zu bringen.

Klaus Wallmann sen.

Aus "Unsere Aussichten" von Heinrich von Treitschke:

"... die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dieses fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können."

"Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden ... denn wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge."

"... unleugbar, daß zahlreiche und mächtige Kreise unseres Judenthums den guten Willen schlechtweg Deutsche zu werden durchaus nicht hegen."

"Und diese verstockte Verachtung gegen die deutschen Gojim ist keineswegs blos die Gesinnung eines vereinzelten Fanatikers."

"Überblickt man alle diese Verhältnisse ... so erscheint die laute Agitation des Augenblicks doch nur als eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat."

"Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!"


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