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Klinikärzte und die Krokodilstränen einer leitartikelnden Dame
Zum Leitartikel "Der piep-egale Patient" von Kristina Hofmann, FP 13.05.2006, S.4

Klaus Wallmann sen. || Datum: 15.05.2006

Klinikärzte und die Krokodilstränen einer leitartikelnden Dame
Zum Leitartikel "Der piep-egale Patient" von Kristina Hofmann, FP 13.05.2006, S.4

Voller "Mut" hat sich FP-"Journalistin" Kristina Hofmann in ihrem "Leitartikel" vom 13.05. auf die Ärzte gestürzt, die seit Wochen "auf dem Rücken der Kranken" streiken. Die offen demagogische Ausrichtung verschlug mir für einige Stunden die Sprache, doch nun bin ich überzeugt, daß man so ein Gekauder nicht unwidersprochen stehenlassen darf.

Herr Hundt und der Mut einer Leitartiklerin - Zum Leitartikel "Mehr Mut!" von Kristina Hofmann, FP 09.05.2006, S.4

Seit drei Monaten streiken die ver.di-Kollegen an den Uni-Kliniken, seit acht Wochen die im "Marburger Bund" organisierten Ärzte an Unikliniken und psychiatrischen Landeskrankenhäusern. Dieses getrennte Marschieren, das die Kraft der Streikenden schwächt und u.U. den Streik verlängert, wäre wirklich ein Kritikpunkt, doch auf diesen geht Frau Hofmann bezeichnenderweise nicht ein.

Wenn die Vertreter der Bundesländer von den Klinikbeschäftigten längere Arbeitszeiten von 42 bis zu 48 Stunden verlangen, und zugleich deren Überstundenzuschlägen streichen wollen; wenn die Vertreter der Bundesländer den Ärzten die Bezahlung ihrer zahlreichen unentgeltlichen Überstunden und Bereitschaftsdienste verweigern, so ist das schlicht eine Provokation - die allerdings nicht von den Klinikbeschäftigten und Ärzten ausgeht.

Das erneute Scheitern der Verhandlungen des "Marburger Bunds" mit der "Tarifgemeinschaft der Länder" (TdL), bei der die Länder angeblich bis an die Grenze des Machbaren gegangen sind, bedeutet die Fortsetzung und Verschärfung des Streiks. Was die TdL mit "rund 16 Prozent mehr Gehalt" bezeichnet, bezeichnet Marburger-Bund-Chef Montgomery als "Rechentricks". Unter Einbeziehung der Streichung des Weihnachtsgelds und der Verlängerung der Arbeitszeit bedeute dieses Angebot "gerade mal ein Einkommenszuwachs von einem Prozent".

Wenn Leitartiklerin Hofmann dies als "ein weites Feld" beschreibt, auf dem "die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt", so kann ich ihr aus meiner Lebenserfahrung heraus zwar zustimmen, doch diese gleiche Erfahrung bewegt mich auch dazu, den Aussagen Montgomerys weit mehr Vertrauen zu schenken, als denen der Staatsbediensteten - und das, obwohl ich Herrn Montgomery als "Streikführer" sehr reserviert gegenüberstehe.

Sicher werden aufschiebbare Operationen ausfallen, doch das bisher gefahrene Notfall-Management der Streikenden läßt in mir keine Zweifel daran aufkommen, daß das auch in den nächsten Tagen oder Wochen funktionieren wird. "Notfälle werden behandelt, aber alles was medizinisch vertretbar ist, muss warten", so Montgomery.

Daß der Verband der Unikliniken (VUD) "echte Versorgungslücken" befürchtet, ist verständlich. Allerdings vergießt der VUD-Vorsitzende Strehl die Tränen wohl nicht wegen der Patientenversorgung, sondern eher wegen der Einnahmen der Kliniken. Als Beispiel führt er das Klinikum Tübingen an, dem bereits drei Millionen Euro entgangen seien. In der kommenden Woche würden weitere zwei Millionen Euro an Einnahmeausfällen hinzu kommen.

Wie fein die Stimmungsmache gegen die "überhöhten" Forderungen der Ärzte inzwischen koordiniert ist, das beweisen bereits die nahezu wortwörtlich gleichen Demagogien. Während laut Hofmannschem "Leitartikel" der sächsische Minister Metz fragt, wie er das einem Arbeitslosen erklären soll, fordert der niedersächsische Finanzminister Möllring den "Marburger Bund" auf, "seine Forderungen mal einer Krankenschwester oder einem Langzeitarbeitslosen zu erklären".
Am Verhandlungstisch mit ver.di will dieser Scharfmacher der Krankenschwester 12-Stunden-Schichten bei geringerer Bezahlung zumuten - geht es jedoch um die Spaltung zwischen den Ärzten, den anderen Klinikbeschäftigten und den breiten Massen, dann entdeckt dieser ehrenwerte Herr plötzlich sein Herz für die Krankenschwester.

Und die bezahlten Schreiberlinge einer gleichgeschalteten "freien" Presse stimmen in diese konzertierte Stimmungsmache ein. Ein Streik "auf dem Rücken der Patienten", bei dem die Patienten "offenbar piep-egal" sind, die "weiter Schmerzen ertragen" müssen, deren "Leiden ... verlängert" wird - kurz: "eine Frechheit allen Patienten gegenüber". So zieht es sich durch den "Leitartikel" der mutigen Journalistin Hofmann, die entweder aufgrund ihrer ausgezeichneten Gesundheit in den letzten Jahren wenig mit dem deutschen Gesundheitssystem in Berührung kam, und deshalb keine Ahnung hat, oder eben die Demagogien der Möllrings verbreiten hilft, weil sie dafür mehr oder weniger gut bezahlt wird.

Es liegt nicht am Streik der Ärzte, daß man derzeit in Zwickau auf einen Termin beim Augenarzt ein halbes Jahr warten muß. Es liegt nicht am Streik der Ärzte, daß man heutzutage bei einem Zahnarzt in Werdau vor die "Wahl" gestellt wird, entweder 70 Euro für eine Wurzelbehandlung auf den Tisch zu legen oder diesen Zahn "kostenlos" herausreißen zu lassen. Nicht die Ärzte sind es, die die Zusahlungen schon wieder erhöhen wollen und fünf Euro bei jedem Arztbesuch verlangen. (In ihrem letzten Leitartikel nannte Frau Hofmann den Hundt beim Namen!) Nicht die Ärzte sind es, die die reformierte Reform der Gesundheitsreform erneut reformieren wollen, wobei jede dieser "Reformen" "auf dem Rücken der Patienten" ausgetragen wurde, deren "Leidensfähigkeit" scheinbar unendlich ist. Wenn Frau Hofmann denn unbedingt über die "Frechheiten" gegenüber Patienten und anderen "Reform"-Betroffenen auslassen will, so gibt es dafür wahrlich genug Material, und man muß dabei nicht einmal demagogisch werden.

Doch wie schon angedeutet, geht es der bezahlten Scribentin weniger um die Patienten. Hinter ihrem scheinheiligen Mitleiden will sie lediglich ihre Unterstützung des provokativen Kurses der Ländervertreter verstecken, die damit zum einen versuchen, das streikenden Klinikpersonal und die streikenden Ärzte auch weiterhin zu spalten, und zum anderen natürlich eine breite Solidarität für die Streikenden in der Bevölkerung zu untergraben.

Um so mehr ist die Organisation einer gemeinsamen Streikfront, auch mit Unterstützung anderer Branchen, ein Gebot der Stunde. Die regionalen DGB-Solidaritätskundgebungen in Köln und Berlin am letzten Wochenende sind ohne Zweifel begrüßenswert, doch dabei kann es nicht um die Durchsetzung eines "vernünftigen Angebots" der Bundesländer gehen, wie DGB-Chef Sommer in Köln ausführte. Nach wie vor muß es um die Verteidigung der 38,5-Stundenwoche gehen, wie es die ver.di-Kollegen fordern.
Die damit zum Ausdruck kommenden existierenden Widersprüche müssen in einer aktiven Auseinandersetzung überwunden werden und in gemeinsame Aktionen und Streiks münden. Und wenn Frau Hofmann erleichtert konstatiert, daß die Situation in Sachsen deswegen nicht so "dramatisch" ist, weil die Angestellten in den Unikliniken nicht streiken "dürfen", so stellt sich mir nur eine Frage: Warum eigentlich nicht?

Klaus Wallmann sen.

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