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Leserbrief zum Artikel "Pisa-Studie: Chancenungleichheit nimmt zu", FP 01.11.2005, S.4

Klaus Wallmann sen. || Datum: 01.11.2005

Leserbrief zum Artikel "Pisa-Studie: Chancenungleichheit nimmt zu", FP 01.11.2005, S.4

Vor fünf Jahren bereits brachte die erste Pisa-Studie den von den bürgerlichen Parteien gepflegten Nimbus von Deutschland als weltweitem "Bildungsprimus" ins Wanken. Schon damals wurde deutlich, daß Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien durch das herrschende Bildungssystem in Deutschland besonders benachteiligt werden. "Drastische Konsequenzen" wurden von fast allen bürgerlichen Politikern gefordert, die im Ergebnis jedoch zu einer noch rigoroseren Ausrichtung des Bildungssystems an die Interessen der herrschenden Monopole führte.

Denn fünf Jahre später bringen die Ergebnisse des zweiten "Pisa"-Bundesländervergleichs an den Tag, daß der "Bildungsvorsprung" der 15-jährigen Schüler aus der "Oberschicht", zu der nach der "Pisa"-Terminologie "Führungskräfte" und "Akademiker" gehören, seitdem deutlich gewachsen ist. In Mathematik und Naturwissenschaften sind diese Schüler inzwischen Gleichaltrigen aus Arbeiterfamilien durchschnittlich um mehr als hundert "Pisa"-Punkte - was zwei Klassen entspricht - voraus.

Dabei macht die Studie selbst deutlich, daß die Arbeiter-Kinder keineswegs "dümmer" sind, sondern daß dies in erster Linie an den unterschiedlichen materiellen Voraussetzungen und fehlenden Möglichkeiten ihrer Förderung liegt. Bei gleicher Intelligenz und gleichem Wissensstand haben die Schüler aus ärmeren Familien eine viermal geringere Chance, das Gymnasium zu besuchen und anschließend zu studieren.

Laut FP widersprechen die bezahlten "Wissenschaftler" des Deutschen Philologenverbandes diesen Erkenntnissen, die nun wahrlich so neu nicht sind. Statt dessen sprechen diese Herren von einer tendenziösen Interpretation der Studie. Ähnlich klingt es auch aus dem Deutschen Lehrerverband: "Nicht die soziale Herkunft entscheidet über den Schulerfolg, sondern die Bildungswilligkeit." Die "BildungsUNwilligkeit" resultiert wohl in solchen Thesen, die ich besonders bei diesem Verband für äußerst bedauerlich halte. Sein demagogischer Aufruf, Deutschland müsse endlich davon wegkommen, Abitur und Studium zum alleinigen Maßstab zu machen, beweist, wessen Lied dessen Funktionäre singen.

Bereits im Juli wurde ein tabellarischer Teil des Vergleichs veröffentlicht und man kam damals zu der Feststellung, daß sich die deutschen Schüler gegenüber der ersten "Pisa"-Studie "durchgehend verbessert" hätten. Bekanntgegeben wurden aber nur Durchschnittswerte. Auch wenn die "Freie Presse" nicht umhin kommt, die Bildungs-Expertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, zu zitieren, verschweigt sie deren Kritik an dieser manipulativen Methode. "Es war von Anfang an klar, dass die vorgezogene Veröffentlichung im Juli nur dem Wahlkampf dienen sollte." Sie führt die jetzt bekannt gewordenen Ergebnisse auf die Bildungspolitik von Bund und Ländern zurück, die einseitig die "gehobenen Schichten" bevorzuge.

Natürlich sind auch die "Pisa"-Studien nicht dazu gedacht, eine umfassende Kritik am bürgerlichen Bildungssystem und der herrschenden Bildungspolitik zu entwickeln. Sie werden sowohl durch die Bundesregierung, wie durch die SPD- und CDU/CSU-geführten Landesregierungen dazu genutzt, demagogische Begründungen für ein weiteres Zurechtstutzen des Bildungssystems zugunsten der internationalen Monopole zu liefern. Dazu gehört die schrittweise Privatisierung der Bildungseinrichtungen, die Organisierung einer umfassenden Konkurrenz zwischen ihnen, der Aufbau von Elite-Universitäten bei gleichzeitigen Kürzungen der Mittel für die Bildung der breiten Masse der Schüler und Studenten. Man müßte blind und taub sein wie ein ausgehaltener Apologet dieses Systems, um nicht zu erkennen, daß sich durch diese volksfeindliche Politik die soziale Schere im Bildungswesen weiter öffnet.

Der mehr als fragwürdigen großen "Koalition der Neuen Möglichkeiten" und ihren Pläne soll mit dem Sternmarsch am 5. November in Berlin die einzig richtige Antwort erteilt werden. Schüler und Studenten zusammen mit ihren Lehrern und Eltern gehören auf jeden Fall an die Seite derer, die bereit sind, der neuen Regierung den Kampf anzusagen. "Da können wir alle nur aufschreien und gegen diese Regierung arbeiten, bis sie wieder vom Sockel ist", meinte auch Elke Heidenreich, die im ZDF die Sendung "Lesen!" moderiert, und wie sie, sollten wir alle unsere Ellenbogen "anspitzen".

Klaus Wallmann sen.

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