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Wie man uns den "Aufschwung" vorgaukelt

Klaus Wallmann sen. || Datum: 07.12.2006

Wie man uns den "Aufschwung" vorgaukelt

Während die "Freie Presse" am 06.12. bereits auf der Titelseite über "100 Arbeitsplätze" jubelt, die der Automobilzulieferer Thyssen-Krupp Presta in Chemnitz schaffen will, und diesen Jubel auf Seite 6 fortsetzt, finde ich nirgendwo die Horrormeldung zu den Erkenntnissen des iSoft-Report*, der die Vernichtung von mindestens 400.000 Arbeitsplätze im Gesundheitswesen prognostiziert. Auch von der gestrigen dpa-Meldung, daß die Sparkassen Informatik 1.400 Jobs verlagern will, findet sich bei unserem pfälzischen "Heimatblatt" kein Wort. All das geht unter im Jubel des "Qualitätsjournalismus".

Im deutschen Gesundheitswesen werden in den nächsten Jahren mehr als 400.000 Arbeitsplätze "verloren gehen". Zu diesem Ergebnis gelangt der iSoft-Report.

Die Hälfte der Experten rechnet mit einem Rückgang der derzeit rund 4 Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen um mindestens 10 Prozent. Fast ein Fünftel der befragten Fachleute geht sogar von einer Arbeitsplatzvernichtung um bis zu 20 Prozent aus. In diesem Fall gingen möglicherweise sogar 800.000 Arbeitsplätze "verloren". Der Abbau geht nach Einschätzung der Experten quer durch die Gesundheitslandschaft der rund 123.000 niedergelassenen Ärzte, 65.000 Zahnärzte, 21.000 Apotheken, 2.200 Krankenhäuser und knapp 270 Krankenkassen sowie weiteren Leistungserbringern und Kostenträgern wie den Kassenärztlichen Vereinigungen und nicht zuletzt den Pharmaherstellern.

Als "Ursachen" für den drohenden Verlust der Arbeitsplätze nennt die iSoft-Studie die "Stärkung der Effizienz" bei den Beteiligten des Gesundheitswesens und einen massiv steigenden Wettbewerb (sprich: Konkurrenzkampf). So gehen über drei Viertel der Experten fest davon aus, daß es schon in naher Zukunft unter den Krankenhäusern zu einem "Kampf bis aufs Messer" kommen wird. Um dem "Wettbewerbsdruck" zu begegnen, sind bei allen am Gesundheitsmarkt Beteiligten strikte "Kosteneinsparungen" auf allen Ebenen "unvermeidbar", meinen 55 Prozent der Fachleute.
Für "unvermeidlich" hält das auch der Herausgeber der Studie und Vorsitzender der Geschäftsführung von iSoft, Peter Herrmann, "auch wenn dies mit dem Verlust von Arbeitsplätzen verbunden ist". Doch "unvermeidlich" ist das nur für die Apologeten dieses Systems und ihre "wissenschaftlichen" Assistenten. Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, die diese Arbeitsplatzvernichtung stoppen und sogar neue Arbeitsplätze schaffen könnte, wird von ihnen nicht ohne Grund vollständig ignoriert.

Ähnliche "unvermeidliche" "Ursachen" werden auch von der Sparkassen Informatik, dem größten Dienstleister für die Informationstechnologie der Sparkassen- Finanzgruppe angegeben, die bis Ende 2008 rund 1.400 der insgesamt 3.563 Arbeitsplätze verlagern und vier Standorte schließen will. Betroffen sind Köln (480 Jobs), Karlsruhe (450), Duisburg (315) und Mainz (150).
Hintergrund der Maßnahmen sind nach Unternehmensangaben zu "ineffiziente" Strukturen. Der härtere Wettbewerb (sprich: Konkurrenzkampf) erfordere eine Bündelung der Aufgaben.
"Jeder Mitarbeiter bekommt einen neuen Arbeitsplatz angeboten", sagte ein Sprecher des Unternehmens. Ob auch Stellen abgebaut werden, das wollte der Sprecher aber nicht sagen. Erfahrungsgemäß würden nicht alle Mitarbeiter das neue Jobangebot annehmen. Betriebsbedingte Kündigungen seien jedoch ausgeschlossen.

Die Schließungen seien der Versuch, "die gültige Beschäftigungssicherung in der Sparkassen Informatik zu unterlaufen", hieß es in einer Stellungnahme des Gesamtbetriebsrats. Die Beschäftigten sollten dazu gedrängt werden, das Unternehmen zu verlassen. "Bei vielen Mitarbeitern herrscht Verzweiflung und Frustration", sagte der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrates am Standort Karlsruhe, Wolfgang Deck.
Laut ver.di Karlsruhe haben bereits die Gerüchte über Standortschließungen zu einer bundesweiten Eintrittswelle von Mitarbeitern der Rechenzentren in die Gewerkschaft geführt. Allein in Mainz soll der Organisationsgrad von zehn auf 80 Prozent gestiegen sein. (dpa)

Mindestens 400.000 vernichtete Arbeitsplätze - was ist das gegen 100 neue? Der Aufschwung?

Klaus Wallmann sen.

* Der iSoft-Report 2007 über den Status und die Zukunft des Gesundheitswesens in Deutschland basiert auf einer Expertenbefragung von 100 Fach- und Führungskräften aus allen Bereichen des Gesundheitssystems, von Körperschaften des öffentlichen Rechts über Organisationen, die in staatlichem Auftrag hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, bis hin zu privaten Verbänden einzelner Interessensgruppen. Herausgeber der Studie ist die auf das elektronische Gesundheitswesen (eHealth) fokussierte iSoft-Gruppe. - www.isoft.de

Über den "Aufschwung" und das Pfeifen im Walde

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