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Das Diakoniewerk Mülheim und die "Hoffnung für Ein-Euro-Jobber"

Klaus Wallmann sen. || Datum: 04.12.2006

Das Diakoniewerk Mülheim und die "Hoffnung für Ein-Euro-Jobber"

"Neue Hoffnung für Ein-Euro-Jobber", so konnte ich es am 30.11.2006 auf der Website der "Neuen Ruhr/Rhein Zeitung" (NRZ) lesen. In Zeiten wie diesen läßt das aufhorchen, doch wenn man weiterliest, bemerkt man schnell den unchristlichen Pferdefuß.

In Mülheim hat das Diakoniewerk Arbeit und Kultur mit der Sozialagentur der Stadt stillschweigend vereinbart, daß ab sofort "Ein-Euro-Jobber" beim Diakoniewerk vier statt bislang nur ein Jahr lang Geld hinzuverdienen dürfen. Der dabei erwähnte "Pilotcharakter" deutet auf die mögliche bundesweite Ausdehnung dieser "Hoffnung" hin.
Für den Leiter der evangelischen Einrichtung, Ulrich Schreyer, wird damit vor allem "eine der unsinnigsten Vorschriften von Hartz IV beseitigt". Er stellte auch fest, daß für kaum einen der 300 Ein-Euro-Jobber seiner Einrichtung nach dem Ablauf der "Maßnahme" ein regulärer Job in Aussicht stehe. Und die Leute danach "zurück zu Bierflasche und Glotze zu schicken, ist ein Aberwitz", sagte Schreyer.

Das Mülheimer Modell soll zunächst mit 60 "Ein-Euro-Jobber" und befristet auf drei Jahre getestet werden. Die Sozialagentur zahlt weiterhin einen Euro als "Stundenlohn". Das Diakoniewerk, so Schreyer, ist bereit, einen weiteren draufzulegen. Der SPD-Parteivorsitzende Frank Esser findet, daß dieses Modell "Mülheim gut zu Gesicht" steht, denn eine "soziale" Stadt dürfe das "Abdriften" wachsender Gesellschaftsgruppen in die Ausweglosigkeit nicht akzeptieren.

Nachdem NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) erst vor kurzem junge Arbeitslose als "junge Säufer" diffamierte, zieht der ebenso christliche Herr Schreyer nach. Für ihn haben "Ein-Euro-Jobber" nur zwei mögliche Lebensformen: entweder staatlich angeordnete Zwangsarbeit zur Bereicherung von Organisationen auf dem Rücken der Erwerbslosen, oder "Bierflasche und Glotze".
Zu dieser Diffamierung kommt noch die Demagogie vom "Stundenlohn", der in Wahrheit aber kein Hinzuverdienst ist, sondern eine Aufwandsentschädigung, die dazu dient, jene Kosten abzudecken, die den Zwangsarbeitern zusätzlich entstehen. Profit streichen nur die ein, die diese Art von Zwangsarbeit nutzen. Wie nett, daß das Diakoniewerk da noch einen Euro "drauflegen" will.

Die Frage drängt sich auf, warum das Diakoniewerk die Menschen, die sich nach zwölf Monaten "Ein-Euro-Job" als wertvolle Mitarbeiter herausgestellt haben, überhaupt wieder zu "Glotze und Bier" zurückschickt, wenn gleichzeitig Arbeit für 60 Menschen über vier Jahre vorhanden ist? Wieso reicht das nicht für reguläre sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze? Denn Arbeit scheint genug da zu sein, doch selbst kirchliche Organisationen scheinen sie nicht mehr bezahlen zu wollen. Damit nehmen sie aktiv teil an einer volksfeindlichen Politik, die den Menschen erst ihr selbstbestimmtes Leben nimmt, um sie anschließend zu beschimpfen, zu verunglimpfen und weiter auszubeuten. "Hoffnung" dürften die wenigsten Betroffenen darin sehen.

Schon einmal in der Geschichte Deutschlands haben sich kirchliche Organisationen an Zwangsarbeit bereichert, wofür sie sich nach Jahren entschuldigten. Heute nennt man die Zwangsarbeiter "Ein-Euro-Jobber", und mit ihrem Einsatz beweisen die Verantwortlichen, daß ihr Gedächtnis nicht die wenigen Jahre zurückreicht, und daß der Tanz ums Goldene Kalb zum kirchlichen Normalfall geworden ist. Statt den Menschen gegen Menschenverachtung und Verelendung zu helfen, wird mitgemacht und profitiert.

Meine Kritik richtet sich nicht gegen die Masse der Kirchenmitglieder, sondern gegen die Verantwortlichen, die offensichtlich das christliche durch das betriebswirtschaftliche Gewissen ersetzt haben. "Süßer die Kassen nie klingeln", mögen sich diese Herren denken, doch der Protest der christlichen Gemeinde - den ich vermisse - sollte diesen Herren in den Ohren klingen. Kein Christ kann Zwangsarbeit gut finden.

Klaus Wallmann sen.

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