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Mein lieber Scholli!
Eine Rezension der "Klipp und Klar"-Sendung (RBB) vom 02.11.06

thomas || Datum: 05.11.2006

Mein lieber Scholli!
Eine Rezension der "Klipp und Klar"-Sendung (RBB) vom 02.11.06

Am 03.11. fand ich im Internet-Forum des Erwerbslosen Forums folgende satirische Anmerkungen eines Forumnutzers. Ich bedanke mich für seine Einwilligung zur Veröffentlichung auf dieser Website.



Gestern hatte ich die Gelegenheit, eine um einen Tag versetzte Wiederholung der Sendung "Klipp und klar" zu sehen. Thema war klar - "Arm durch Arbeit, reich durch Hartz IV" oder so. Es könnte auch um "Soziale Hängematte - Arbeit nein danke" oder um "Unterschicht" gegangen sein, jedenfalls kam all das wieder mal zur Sprache.

Na gut, könnte man meinen, wieder mal so 'ne Hetzsendung, wieder mal Propaganda. Ja, stimmt, aber ich möchte dennoch einige Dinge hier zum allerbesten geben. Die Diskutierenden waren: Ströbele (der den guten Onkel gab, der für vieles Verständnis hat, nun aber die faulen Arbeitslosen doch mal ermahnen muß). Ein gewisser Buschkowsky (SPD, auch wenn man das nicht glauben möchte!) und ein Herr Wüllenweber ("Stern") ließen die ebenfalls anwesende Lucy Redler von der WASG kaum zu Wort kommen.

Also, der Herr Buschkowsky (SPD, wir erinnern uns?) ist der felsenfesten Überzeugung, daß man den Erwerbslosen nur das ALG II ganz und sofort und ersatzlos streichen müßte, dann würden die aber schon arbeiten, mein lieber Scholli!
"Gestützt" wurde diese kühne These von einer "Reportage", in der wieder einmal "ganz zufällig" ausgesuchte Erwerbslose "repräsentativ" zugeben durften, daß sie ja nur deshalb nicht arbeiten, weil das Geld vom Staat ("unsere Steuergelder!!!") so üppig fürs Nichtstun fließt.

Dazu söderte Herr Wüllenweber ab, daß er "ja schon lange nach einem Erwerbslosen sucht, dem es so richtig dreckig geht und der erfolglos alles tut, um aus seiner Misere rauszukommen - da würden wir sofort eine Reportage drüber bringen. Aber einen solchen Arbeitslosen haben wir bisher nicht finden können!"

Eine weitere köstliche Wahrheit aus berufenem Munde kam von Herrn Buschkowsky, der da behauptete, daß ihm "ein Pfarrer in Neukölln gesagt habe, daß der Sozialstaat das asozialste sei, was es in Deutschland gebe". Tja, die Pfaffen und die Raubritter - aber das hatten wir ja schon ...

So, um das abzurunden: der "Stern"-Redakteur und Millionär Wüllenweber hat zu eben diesem Thema im "Stern" vom 19. 10. 2006 einen Beitrag mit dem Titel "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" erbrochen. (Mich würde interessieren, was Franz Josef Degenhardt dazu sagt, daß der Titel eines seiner Lieder derartig mißbraucht wird ...) Herr Wüllenweber, bestbezahlter "Stern"-Redakteur und Millionär, schreibt also zur Situation der "Unterschicht" erhellende Kommentare wie diesen:

"Geld haben die Armen in Deutschland genug.
Sie haben Spülmaschinen, Mikrowellenherde, die neuesten Handys, DVD-Spieler, meist mehrere Fernseher."

Und dann läßt er uns wissen, woher er diese umwerfenden Erkenntnisse hat: "Das listen Erhebungen des Statistischen Bundesamtes detailliert auf."

Äääähh ... ich kann mich nicht erinnern, daß irgendwelche Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes bei mir (oder irgendeinem Erwerbslosen, den ich kenne - und ich kenne sehr viele!) jemals vorbeigeschaut hätten ... Oder verstehe ich da etwas falsch?

Wüllenweber weiter: "Soviel zum Haben. Hartz-IV-Empfänger verfügen über denselben materiellen Lebensstandard wie Facharbeiter in den 1970er Jahren."

Na also, kein Grund zur Klage! Aber schön, daß es uns endlich mal jemand erklärt, der so richtig Ahnung hat.

Wüllenweber: "Wenn das Haben der Maßstab wäre, die Ausstattung mit Media-Markt-Schnickschnack oder den neuesten Klamotten, wenn nur das monatliche Haushaltseinkommen zählen würde - dann könnten wir uns zufrieden zurücklehnen. Die ganze Diskussion über die Unterschicht wäre überflüssig."

So, da haben wir es. Aber auch ein Wüllenweber weiß, daß der Unter ... äääh, Unterschichten-Mensch nicht nur von Media-Markt-Schnickschnack allein lebt. Wüllenweber weiter: "Die schlechte Nachricht lautet also: Mit mehr Sozialknete kann man die Benachteiligung nicht wirksam bekämpfen. Bekäme jede Familie 200 oder 300 Euro mehr Stütze im Monat, würden sich dadurch die Aussichten auf einen Job, auf ein selbstbestimmtes Leben, auf bessere Aufstiegsschancen ihrer Kinder keinen Millimeter verbessern. Die Erfahrung zeigt: das würde nur den Umsatz bei McDonald's erhöhen."

Genau!! Faul, verfressen, undankbar ...

Wüllenweber: "Die wirkliche Spaltung ist viel weniger ökonomisch als kuturell. In den vergangenen Jahren hat die Unterschicht eigene Lebensformen entwickelt, mit eigenen Verhaltensweisen, eigenen Vorbildern und eigenen Werten: die Unterschichtskultur."

Jawoll, so isses! Statt zu lernen, wie man kulturvoll bei Tische mit der richtigen Gabel die Krebsscheren knackt, welches Glas für den Weißwein und welches für den Rotwein ist, statt zu lernen, wie man formvollendet den guten Beluga-Kaviar löffelt, verweigert sich diese blöde Unterschicht und frißt lieber Fritten! Das kann ja nichts werden!!

Wüllenweber weiter: "Sowohl das Heidelberger Sozialforschungsinstitut als auch die aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kommen zu dem Ergebnis: Arbeit, Leistung, sich für eine Sache anzustrengen, das rangiert im Wertesystem dieser neuen Unterschicht ganz hinten.

Und dann erklärt uns Herr Wüllenweber, wie wir Untermen .... äääähh, wir Unterschichtler wirklich sind: "Ganz vorn steht der Konsum. Das Trennende ist also immer weniger das Haben und immer mehr das Sein."

Herr von Dohnany mahnte in altväterlich-gütiger Manier an, daß "Arbeitslose doch unbedingt etwas mehr Flexibiltät und Mobilität" zeigen müßten.
Das finde ich gut, das fordert der Richtige! Ein unkündbarer C-4-Professor erklärt uns, daß wir erstens genug Geld haben würden, zweitens dankbar sein sollten dafür und drittens die "moralische Pflicht" hätten, uns als mobile Tagelöhner, sprich Wanderarbeiter zu verdingen - aber bitte zu den Bedingungen des Unternehmers, nicht wahr.
Ich habe mich ein wenig darüber geärgert, daß Lucy Redler in dieser Sendung nicht deutlich ausgesprochen hat, daß alles, was der angebliche SPD-Mann Buschkowsky fordert, genau zu jenem "industriellen Ersatzheer von tagelöhneren" führt, welches Marx bereits prognostiziert hatte.
Kombi-Lohn ... wunderbar! Der Unternehmer zahlt fast gar nichts mehr für die erbrachte Arbeitsleistung - dafür ist der Staat zuständig ...

Noch Fragen?

Thomas

Quelle:
http://www.elo-forum.org/forum/viewtopic.php?p=120993#120993



Im Forum schrieb ich dazu eine kleine Anmerkung:
Dennoch habe ich einen sehr richtigen Satz (Wüllenweber) gefunden:
"Bekäme jede Familie 200 oder 300 Euro mehr Stütze im Monat, würden sich dadurch die Aussichten auf einen Job, auf ein selbstbestimmtes Leben, auf bessere Aufstiegsschancen ihrer Kinder keinen Millimeter verbessern."

Und damit hat der Mann zweifellos recht, der wohl garnicht bemerkt, was er da "Gefährliches" von sich gibt. Es würde nur etwas an den Auswirkungen dieses menschenfeindlichen Systems ändern, es ändert ein wenig an der persönlichen Not, doch es ändert nichts am System, dessen gesetzmäßigen Auswirkungen diese Not sind. Es gilt also, die systembedingten Ursachen zu beseitigen, dann beseitigt man auch die Auswirkungen. Jeder Arzt wird das bestätigen.

Klaus Wallmann sen.

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