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Ein Leitartikler erklärt
Zum Leitartikel "Standards - Soldaten-Fotos lösen 'Skandal'-Rufe aus - das erklärt nichts" von Hartmut Petersohn, FP 28.10.2006, S.4

Klaus Wallmann sen. || Datum: 28.10.2006

Ein Leitartikler erklärt
Zum Leitartikel "Standards - Soldaten-Fotos lösen 'Skandal'-Rufe aus - das erklärt nichts" von Hartmut Petersohn, FP 28.10.2006, S.4

Als die ersten Bilder über die Schändung von Toten durch Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan bekannt wurden, wurden diese skandalösen Vorfälle sofort vom "Verteidigungs"ministerium als "bedauerlicher Einzelfall" relativiert. Inzwischen wurden weitere "Vorfälle" dieser Art bekannt und weitere sind laut Ströbele (Grüne) zu erwarten - doch Generalinspekteur Schneiderhan beteuert unerschrocken, daß diese "immer noch Einzelfälle" seien.

Und während unsere "Freie Presse" heute kolportiert, daß es sich bei den geschändeten Gebeinen womöglich um die von sowjetischen Soldaten handelt - als wäre das weniger skandalös -, berichtete die "Leipziger Volkszeitung", daß es in den vergangenen drei Jahren "offenbar mehrfach" solche Foto-Aktionen deutscher habe. Das Knochenfeld sei eine beliebte Fotostation für Isaf-Soldaten gewesen, und offenbar gäbe es auch einen florierenden Handel mit solch makaberen "Andenken".

FP-Leitartikler Petersohn stellt heute richtig fest, daß "Totenschändung, Störung der Totenruhe ... unserem christlich-abendländischen Verständnis, unserer Kultur, ganz und gar fremd" ist. Wozu aber, so frage ich mich, verweist er dann nur wenige Zeilen weiter auf die unzureichende Ausbildung der Soldaten, die "ohne Kenntnisse der Region, Religion und Kultur" in die Auslandseinsätze geschickt werden. Wozu sollte man diese Soldaten über etwas aufklären, was sowohl der christlichen als auch der islamischen Kultur "ganz und gar fremd" ist?
Ähnlich in der Zielsetzung ist auch der auf der gleichen Seite veröffentlichte Artikel "Männlichkeit und Rivalität", der einzig und allein auf eine psychologische Erklärung des Skandals abzielt. Wie sehr sich dabei der "Experte" selbst widerspricht, das beweist seine Forderung nach mehr Frauen in der Armee, die er mit dem Hinweis auf die an den Folter-Fotos beteiligten Frauen in Abu Ghraib sofort wieder konterkariert.

Auch Ex-Heeresinspekteur Willmann schlägt in die gleiche Psycho-Kerbe, wenn er davor warnt, daß Auslandseinsätze zu einer "gewissen Verrohung", "insbesondere bei jungen, innerlich nicht gefestigten Soldaten" führen könnte. Auch deshalb will "Verteidigungs"minister Jung nun die "Ausbildungsgrundlagen" überprüfen lassen.

Der neue, alte Skandal - Zum Leitartikel "Dunkle Schatten" von Peter Bretschneider, FP 26.10.2006, S.4

Doch wenn man sich die Heeres-Homepage ansieht, so kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die vollmundig beklagte "Verrohung" der Soldaten in Auslandseinsätzen durchaus ein gewollter Bestandteil ihrer Ausbildung ist. Über die notwendige Einstellung der Soldaten des KSK (Kommando Spezialkräfte) heißt es dort z.B.: "Bei den Einsätzen der KSK kann es notwendig werden, jemanden zu töten. 'Im Einzelfall selbst registriert man das eher beiläufig. Eine Mission läuft immer nach standardisierten Verfahren ab', schildert ein 43-jähriger Offizier seine Einsatzerfahrung." Bereits die Eingangstests sind extrem: "Die reißen einem richtig den Arsch auf, legen einen bloß, um den Charakter herauszufordern", so ein Teilnehmer.

Und diese besondere Ausbildung der KSK-Soldaten findet offensichtlich auch in der "normalen" Rekrutenausbildung statt. Erinnert sei nur an die 80 Rekruten im westfälischen Coesfeld, von denen im November 2004 bekannt wurde, daß sie von ihren als "Freischärlern vermummten Ausbildern" überfallen, mit Kabelbindern gefesselt und u.a. durch Stromstöße gequält wurden.

Mißhandlungen bei der Bundeswehr: Kein Einzelfall sondern Teil "kriegsnaher Ausbildung"
Leserbrief zum Folter-Skandal der Bundeswehr

Wenn der "Qualitätsjournalist" Petersohn in seinem heutigen Leitartikel feststellt: "Nur kann es nicht bei Empörung bleiben. Es ist zu einfach, "Skandal" zu rufen. Das erklärt nichts und bedient nur auf banale Weise die Reaktion von Teilen einer Öffentlichkeit, die keine Fragen mehr stellt, sondern sich mit schlichter Empörung begnügt", so ist das alles völlig richtig. Es fragt sich nur, warum die Mitarbeiter der "freien" Presse diesen Anspruch zwar erheben, jedoch nicht in die Tat umsetzen. Banal ist auch der petersohnsche Leitartikel, wenn er mangelndes Training und die "tägliche Terrorgefahr" in Aghanistan als Ursachen dieser "Skandale" anführt.

Die systematische Gewöhnung an Brutalität und menschenverachtende Behandlung von Gefangenen bzw. Widerstandskämpfern ist Bestandteil der Ausbildung in jeder imperialistischen Armee - also auch der deutschen Bundeswehr -, denn diese "Verrohung" ist notwendige Bedingung für die "erfolgreiche" Besetzung fremder Länder und die Unterdrückung des Volkswiderstands. Dem kann man in Bezug auf Deutschland nur durch die Auflösung der KSK-Einheiten und den Abzug aller Bundeswehr-Truppen aus dem Ausland begegnen.

Klaus Wallmann sen.

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