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Wie christliche Werte vor die Hunde gehen

Klaus Wallmann sen. || Datum: 27.10.2006

Wie christliche Werte vor die Hunde gehen

Von den "roten" Sozialdemokraten war ja nichts anderes zu erwarten, doch daß auch die "Volkspartei", die das große "C" im Namen führt, sich am Sonntag, und insbesondere an den Adventssonntagen vergreift, das deutet denn doch eher darauf hin, daß das "C", trotz aller Wertediskussion, nur noch eine Wortblase ist.

Im Alten Testament erhält Mose auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote. Das am weitesten ausgeführte Gebot ist das des Sabbattags, also des Sonntags. "... Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Dinge beschicken; aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun ..." (2.Mose, 20,8-11).
Diese Gebote sind nach christlicher Ansicht auch heute noch gültig, denn in der Bergpredigt sagt Christus: "Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz ... aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz ..." (Matth., 5,17-18).

Ein Gesetz, ein christliches Gebot, an das sich die CDU scheinbar nicht mehr gebunden fühlt. Und wie heute der "Freien Presse" zu entnehmen ist, wird nicht nur der Sonntag allgemein angegriffen, sondern sogar die Adventssonntage werden für viele Menschen abgeschafft. Christen begehen den Advent, um sich auf die "Ankunft" Christi vorzubereiten, gleichzeitig wird damit das neue Kirchenjahr eingeleitet.

Christliche Werte, sonst vollmundig beschworen, scheinen ihren Wert zu verlieren, wenn es um die Interessen der Monopole geht.
Zur sogenannten Föderalismus-"Reform" gehören auch die Bemühungen bürgerlicher Landespolitiker, die Ladenöffnungszeiten möglichst weitgehend freizugeben. Berlin und Brandenburg reiten voran, und die anderen Länderchefs - egal welcher Partei sie angehören - folgen ihnen auf dem Fuße.

Auch "Volksvertreter" können, wie es die Bibel formuliert, nur einem Herren dienen. Wer dieser Herr ist wird deutlich, wenn man feststellt, wer von den "Reformen" profitiert. Im Fall der Ladenöffnungszeiten sind es offensichtlich die führenden Handelskonzerne wie Metro oder Rewe, die sich davon noch größere Marktanteile versprechen, die zwangsläufig nur auf Kosten der kleinen und mittleren Geschäfte erreicht werden. Schon jetzt konzentrieren sich die längeren Öffnungszeiten auf die großen Einkaufszentren, die auf der grünen Wiese errichtet wurden, und in den Großstädten.
Doch nicht nur die großen Handelskonzerne, auch die Konzerne anderer Branchen drängen die Politiker zur Erfüllung ihrer Wünsche - wozu auch die totale Freigabe an allen Sonntagen gehört -, weil sie unbegrenzte Ladenöffnungszeiten zur Flankierung der immer weiter gehenden Flexibilisierung der Arbeitszeit benötigen.

Die Lasten dürfen die Beschäftigten tragen. Und da ca. 75 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel Frauen sind, sind vor allem sie es, deren Belastung am meisten steigt. Das ist natürlich sehr pauschal ausgedrückt, was Herrn Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), zu folgender Dreistigkeit veranlaßt. Man könne "nicht pauschal sagen, dass Arbeitszeiten nach 18.30 Uhr nachteilig für Verkäufer" seien. "Viele arbeiten dann gerne, weil sie zum Beispiel sich nicht mehr um Kinderbetreuung kümmern müssen."
Wiedereinmal wird die Realität auf den Kopf gestellt. ver.di-Sprecherin Cornelia Haß stellt fest, daß nicht wenige der meist teilzeitbeschäftigten Frauen im Einzelhandel alleinerziehend sind. Gerade sie müßten sich bei Arbeitszeiten nach 20.00 Uhr um zusätzliche Kinderbetreuung kümmern. Hinzu kommt, daß bei Öffnungszeiten bis 22 oder gar 24 Uhr die Beschäftigten kaum Möglichkeiten haben, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.
Während also die Einzelhandelskonzerne von der Ausweitung der Ladenöffnungszeiten profitieren, kommen auf die Beschäftigten und ihre Familien somit neue Belastungen zu.

Doch damit nicht genug. Jetzt fordert der HDE, daß bisher gezahlte Zuschläge für Arbeit nach 18.30 Uhr wegfallen sollen. Der diese Zulagen regelnde Manteltarifvertrag wurde von den Unternehmern zum Jahresende schon mal gekündigt. Diesen "Unternehmern" ist es egal, daß die Beschäftigten nicht so einfach auf diese Einkommensbestandteile verzichten können. Meist in Teilzeit beschäftigt, sind die Verkäuferinnen auf jeden Cent und jeden Euro angewiesen.

Wenn ver.di bei den anstehenden Tarifauseinandersetzungen Widerstand gegen diese Pläne ankündigt, so ist das die selbstverständliche Pflicht der Gewerkschaft. Dabei kann es jedoch nicht darum gehen, daß man längere Öffnungszeiten akzeptiert, um die Zahlung der Zuschläge zu erreichen oder umgekehrt. Die ver.di-Führung wie die Basis muß erkennen, daß die Bestrebungen der Monopole und ihrer Politiker, eine möglichst weitgehende Freigabe der Ladenöffnungszeiten zu erreichen, eine zutiefst arbeiter- und insbesondere frauenfeindliche Politik ist. Die in diesem Zusammenhang gestartete Unterschriftenaktion in Baden-Württemberg wird sicher nicht ausreichen, um die Bundesländer zur Aufgabe dieser Pläne zu zwingen. Die Aufklärung und Mobilisierung der eigenen Mitglieder, der enge Zusammenschluß auch mit anderen demokratischen Kräften, und - über diesen konkreten Anlaß hinausgehend - der Kampf um ein vollständiges und allseitiges gesetzliches Streikrecht - all das gehört auf die Agenda auch der Gewerkschaft ver.di.

Den "christlichen" Politikern eine Bibel zu schicken, dürfte angesichts ihrer Attacken auf christliche Werte verlorene Liebesmühe sein. Dennoch: Am Schluß seiner Bergpredigt warnt Christus vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind. Und er gibt den Menschen einen guten Rat: "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen."

Klaus Wallmann sen.

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