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Wie die deutsche Sozialdemokratie Engels fälschte

Klaus Wallmann sen. || Datum: 02.10.2006

Wie die deutsche Sozialdemokratie Engels fälschte

Gewöhnlich hält man sich an Rosa Luxemburg, wenn man den Tag benennen will, an dem die Führer der deutschen Sozialdemokratie ihren ehrenvollen Namen für ein Linsengericht verkauften und die Arbeiterklasse verrieten. Seit dem 4. August 1914 ist die deutsche Sozialdemokratie - so Luxemburg - ein stinkender Leichnam. Dieses Datum ist zwar einprägsam, doch die Metamorphose der SPD von einer revolutionären Klassenkampfpartei zur reformistischen bürgerlichen Partei begann weit früher.

Noch 1891 weist Engels in seinem Artikel "Der Sozialismus in Deutschland" auf die hervorragende Rolle der deutsche Sozialdemokratie hin:
"Nun aber hat die deutsche Sozialdemokratische Partei, dank den ununterbrochenen Kämpfen und Opfern von dreißig Jahren, eine Stellung erobert wie keine andere sozialistische Partei der Welt, eine Stellung, die ihr binnen kurzer Frist den Heimfall der politischen Macht sichert. Das sozialistische Deutschland nimmt in der internationalen Arbeiterbewegung den vordersten, den ehrenvollsten, den verantwortlichsten Posten ein; es hat die Pflicht, diesen Posten gegen jeden Angreifer bis auf den letzten Mann zu behaupten."1)

Bei allem berechtigtem Lob übersieht Engels jedoch nicht die Gefahr, vielleicht deshalb auch seine Mahnung an die "Pflicht". In seiner "Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs 1891" schreibt Engels im Juni 1891 über den "in einem großen Teil der sozialdemokratischen Presse einreißenden Opportunismus":
"Aus Furcht vor einer Erneuerung des Sozialistengesetzes, aus der Erinnerung an allerlei unter der Herrschaft jenes Gesetzes gefallenen voreiligen Äußerungen soll jetzt auf einmal der gegenwärtige gesetzliche Zustand in Deutschland der Partei genügen können, alle ihre Forderungen auf friedlichem Wege durchzuführen. Man redet sich und der Partei vor, 'die heutige Gesellschaft wachse in den Sozialismus hinein', ohne sich zu fragen, ob sie nicht damit ebenso notwendig aus ihrer alten Gesellschaftsverfassung hinauswachse und diese alte Hülle ebenso gewaltsam sprengen müsse, wie der Krebs die seine ...
Eine solche Politik kann nur die eigne Partei auf die Dauer irreführen. Man schiebt allgemeine, abstrakte politische Fragen in den Vordergrund und verdeckt dadurch die nächsten konkreten Fragen ...
Dies Vergessen der großen Hauptgesichtspunkte über den augenblicklichen Interessen des Tages, dies Ringen und Trachten nach dem Augenblickserfolg ohne Rücksicht auf die späteren Folgen, dies Preisgeben der Zukunft der Bewegung um der Gegenwart der Bewegung willen mag 'ehrlich' gemeint sein, aber Opportunismus ist und bleibt es, und der 'ehrliche' Opportunismus ist vielleicht der gefährlichste von allen."2)

Wie berechtigt Engels Mahnungen und Warnungen waren, das bewies der Nachdruck, mit dem der Vorstand der SPD verlangte, daß Engels den ihnen zu revolutionären Ton der "Einleitung" zur Neuauflage von Karl Marx' "Klassenkämpfe in Frankreich" abschwächen sollte. Engels kritisierte die unentschlossene Haltung der Parteiführung und ihr Bestreben, ausschließlich im Rahmen der bürgerlichen Gesetzlichkeit zu handeln. Dennoch trug er der Meinung des Parteivorstands letztendlich Rechnung. Er änderte einige Formulierungen und strich die politisch schärfsten Stellen, in denen vom bevorstehenden bewaffneten Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie die Rede war.

Diese auf Druck der Führer der SPD "bearbeitete" Einleitung wurde dann im "Vorwärts" unter dem Titel "Wie man heute Revolutionen macht" in Auszügen abgedruckt, wodurch auch Engels davon Kenntnis erhielt. Es war der Versuch einiger Führer der Sozialdemokratischen Partei, Engels aufgrund dieser Einleitung als Anhänger eines um jeden Preis friedlichen Weges des Übergangs der Macht an die Arbeiterklasse hinzustellen.

Seine Empörung über diesen Mißbrauch wird in einem Brief Engels an Karl Kautsky deutlich, den er am 01.04.1895 schrieb:
"... Zu meinem Erstaunen sehe ich heute im "Vorwärts" einen Auszug aus meiner "Einleitung" ohne mein Vorwissen abgedruckt und derartig zurechtgestutzt, daß ich als friedfertiger Anbeter der Gesetzlichkeit quand même [unter allen Umständen - K.W.] dastehe. Um so lieber ist es mir, daß das Ganze jetzt in der "N[euen] Z[eit]" erscheint, damit dieser schmähliche Eindruck verwischt wird. Ich werde L[ieb]k[necht] sehr bestimmt darüber meine Meinung sagen, und auch denjenigen, die, wer sie auch seien, ihm diese Gelegenheit gegeben haben, meine Meinung zu entstellen, und das, ohne mir ein Wort mitzuteilen."3)

Auch an seinen Freund Paul Lafargue schreibt er am 03.04.1895: "Liebknecht hat mir gerade einen schönen Streich gespielt. Er hat meiner Einleitung zu den Artikeln von Marx über das Frankreich von 1848 bis 1850 alles entnommen, was ihm dazu dienen konnte, die um jeden Preis friedliche und Gewaltanwendung verwerfende Taktik zu stützen, die es ihm seit einiger Zeit, besonders in diesem Augenblick zu predigen beliebt, wo man in Berlin Ausnahmegesetze vorbereitet.4) Diese Taktik predige ich aber nur für das heutige Deutschland, und dann noch mit erheblichen Vorbehalten ... für Deutschland kann sie schon morgen unanwendbar werden. Ich bitte Sie also, den vollständigen Artikel abzuwarten, ehe Sie urteilen - wahrscheinlich wird er in der "N[euen] Z[eit]" erscheinen, und ich erwarte von einem Tag zum anderen Exemplare der Broschüre. Es ist bedauerlich, daß L[ieb]k[necht] nur schwarz oder weiß sieht. Die Nuancen existieren für ihn nicht."5)

Engels Bemühungen um die Wahrheit schlugen fehl und sein Hoffen auf Richtigstellung blieb unerfüllt. Eine ungekürzte Fassung erschien nirgendwo, auch dann nicht, als die Gefahr eines neuen Sozialistengesetzes in Deutschland nicht mehr drohte. Erst 1930 wurde der vollständige Text in der Sowjetunion veröffentlicht. Engels selbst 1895 war zu keiner Gegenwehr mehr fähig. Schon im März hatte ein rasch fortschreitender Kehlkopfkrebs ihn aufs Krankenbett geworfen, am 5. August 1895 starb er.

Der Parteivorstand nutzte diese Situation und informierte auch im Nachhinein die Mitglieder der Partei nicht über die vorgenommenen Streichungen, die somit den Charakter einer Fälschung annahmen. Bernstein und andere Vertreter des Revisionismus und Opportunismus setzten diese Praxis fort. Obwohl ihnen das vollständige Manuskript vorlag, enthielten sie den SPD-Mitgliedern die vollständige Fassung vor, und schwiegen auch über die Umstände, die Engels zu den Streichungen gezwungen hatten.
Die meisten einfachen Parteimitglieder mußten daher glauben - und vielleicht glauben sie es heute noch - daß sie mit dieser letzten literarischen Arbeit die reine Wahrheit besitzen, eine Wahrheit, in der der Marxismus von allen revolutionären Vorstellungen und Forderungen gereinigt ist.
Schamlos nutzte der sozialdemokratische Parteivorstand die Wehrlosigkeit des totkranken Engels, um ihn, der sein ganzes Leben lang einen unermüdlichen Kampf gegen den friedfertigen Opportunismus und den kleinbürgerlichen Reformismus geführt hat, und der diesem Parteivorstand so manche bittere Wahrheit sagte, am Ende seines Lebens als "friedfertigen Anbeter der Gesetzlichkeit" hinzustellen.

Und dieses "Meisterstück" der SPD-Führung zog Kreise. Von kommunistischen Veröffentlichungen abgesehen, priesen zahlreiche Darstellungen der Geschichte der SPD oder des Marxismus die Engelsche "Einleitung" als Bekenntnis zum Reformismus, als Absage an die revolutionäre Ideologie des Marxismus. Noch heute kolportieren z.B. Susanne Miller und Heinrich Potthoff in ihrem Buch "Kleine Geschichte der SPD" aus dem Jahre 1983 diese Fälschung. "Es war nicht zuletzt Friedrich Engels, der mit seinem Vorwort zu den 'Klassenkämpfen in Frankreich' diesen Wählerstimmenoptimismus bekräftigte."6)
Jeder nicht über die Fälschung Informierte mußte und muß dies als Bekenntnis Engels zur reformistischen und revisionistischen Politik der SPD-Führer werten.

Doch wenden wir uns der Einleitung zu.

So untersuchte Engels in der Einleitung die Chancen künftiger Straßenkämpfe. Er weist richtig nach, daß sich die Bedingungen des Straßenkampfes seit 1849 stark verändert haben. Der diesbezügliche Absatz endet daher mit den Worten: "Der Revolutionär müßte verrückt sein, der sich die neuen Arbeiterdistrikte im Norden und Osten von Berlin zu einem Barrikadenkampf selbst aussucht."7) Also sieht Engels in den zukünftigen Kämpfen keine Möglichkeit mehr für revolutionäre Straßenkämpfe.

Wirklich?

Um diesen Eindruck zu erwecken, strichen die SPD-Führer die unmittelbar folgenden Worte:
"Heißt das, daß in Zukunft der Straßenkampf keine Rolle mehr spielen wird? Durchaus nicht. Es heißt nur, daß die Bedingungen seit 1848 weit ungünstiger für die Zivilkämpfer, weit günstiger für das Militär geworden sind. Ein künftiger Straßenkampf kann also nur siegen, wenn diese Ungunst der Lage durch andere Momente aufgewogen wird. Er wird daher seltener im Anfang einer großen Revolution vorkommen, als im weiteren Verlauf einer solchen und wird mit größeren Kräften unternommen werden müssen. Diese werden aber dann wohl, wie in der ganzen Französischen Revolution, am 4. September und 31. Oktober 1870 in Paris, den offenen Angriff der passiven Barrikadentaktik vorziehen."7)

Während die sozialdemokratischen Führer nichts dagegen hatten, wenn Engels schreibt: "Überall hat man das deutsche Beispiel der Benutzung des Wahlrechts, der Eroberung aller uns zugänglichen Posten nachgeahmt", streicht sie flugs die zweite Hälfte dieses Satzes: "... überall ist das unvorbereitete Losschlagen in den Hintergrund getreten".8) Der erste Halbsatz entspricht den reformistischen Intentionen der Parteiführung, der zweite fordert die Vorbereitung des "Losschlagens" und ist daher viel zu revolutionär.

Einige Absätze weiter schreibt Engels:
"Dies Wachstum [der Partei - K.W.] ununterbrochen in Gang zu halten, bis es dem herrschenden Regierungssystem von selbst über den Kopf wächst, ... das ist unsere Hauptaufgabe."9)
Das klingt als hätte Engels am Ende seiner Tage die Phrase vom friedlichen Hineinwachsen in den Sozialismus übernommen, doch auch hier wurde der Sinn durch Weglassen in sein Gegenteil verkehrt. Denn nach den Worten "von selbst über den Kopf wächst" heißt es im Original: "diesen sich täglich verstärkenden Gewalthaufen nicht in Vorhutkämpfen aufzureiben, sondern ihn intakt zu halten bis zum Tage der Entscheidung."9)

Soviel zu den Fälschungen.

Engels prinzipieller Standpunkt war 1895 kein anderer als der, den er 1891 deutlich formulierte: "Wie oft haben die Bourgeoisie uns nicht zugemutet, wir sollten unter allen Umständen auf den Gebrauch revolutionärer Mittel verzichten und innerhalb der gesetzlichen Grenzen bleiben, jetzt, da das Ausnahmsgesetz gefallen, das gemeine Recht wiederhergestellt ist für alle, auch für die Sozialisten! Leider sind wir nicht in der Lage, den Herren Bourgeoisie diesen Gefallen zu tun. ... Viel näher liegt die Frage, ob es nicht gerade die Bourgeoisie und ihre Regierung sind, die Gesetz und Recht verletzen werden, um uns durch die Gewalt zu zermalmen? Wir werden das abwarten. Inzwischen: 'Schießen Sie gefälligst zuerst, meine Herren' Bourgeoisie!
Kein Zweifel, sie werden zuerst schießen. Eines schönen Morgens werden die deutschen Bourgeoisie und ihre Regierung müde werden, der alles überströmenden Springflut des Sozialismus mit verschränkten Armen zuzuschauen; sie werden Zuflucht suchen bei der Ungesetzlichkeit, der Gewalttat.Was wird's nützen?"10)

Wenn Bernstein und Konsorten diese Einleitung als Engels politisches Vermächtnis ausgaben, wenn sie behaupteten Engels sei nach der Überprüfung seiner früheren Ansichten zum Reformisten geworden, so wollten diese Revisionisten damit nur ihre eigene Abkehr vom Marxismus, und damit von allen revolutionären Prinzipien bemänteln.

Diese Fälschung im Jahre 1895 beweist, daß die Führer der SPD schon sehr früh vom revolutionären Marxismus abrückten, ehe sie denn 1914 die einst revolutionäre Partei endgültig zum stinkenden Leichnam machten. Und ich möchte Rosa Luxemburg auch heute nicht widersprechen. Äußerlich mag die heutige SPD leben, und ein Herr Müntefering gar als "Kapitalismuskritiker" auftreten, doch es hat sich nichts daran geändert, was schon Kurt Tucholsky einst einem "eingeübten Sozialdemokraten" in den Mund legte: "Man tut was für die Revolution und weiß genau, mit dieser Partei kommt sie ganz bestimmt nicht."11)

Klaus Wallmann sen.

Zum Thema sh. auch:
Hermann Duncker, Engels' Mahnruf, 1927
Die "Führer" der deutschen Sozialdemokratie 1914 - 1933

Anmerkung:
1) MEW, Bd. 22, Dietz Verlag Berlin, 1963, S. 255, "Der Sozialismus in Deutschland"
2) Ebenda, S. 234 ff.
3) MEW, Bd. 39, Dietz Verlag Berlin, 1968, S. 452

4) Am 06.12.1894 hatte die Regierung die sog. Umsturzvorlage im Reichstag eingebracht. Danach sollten Umsturzbestrebungen bereits ohne Tatbestand mit Zuchthaus und vorgebliche Angriffe auf Religion, Monarchie, Ehe, Familie oder Eigentum mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft werden. Die Mehrheit der bürgerlichen Reichstagsabgeordneten wagten es angesichts der Stimmung der Massen nicht, dieser Vorlage zuzustimmen. Am 11.05.1895 wurde der Gesetzentwurf wegen des Massenprotestes der Bevölkerung, des energischen Kampfs der Sozialdemokratie und der Opposition bürgerlicher Parteien in zweiter Lesung endgültig abgelehnt.

5) MEW, Bd. 39, Dietz Verlag Berlin, 1968, S. 454
6) Miller/Potthoff, Kleine Geschichte der SPD, Verlag Neue Gesellschaft GmbH, Bonn, 1983, S. 50
7) MEW, Bd. 22, Dietz Verlag Berlin, 1963, S.522
8) Ebenda, S. 523
9) Ebenda, S. 524
10) Ebenda, S. 251, "Der Sozialismus in Deutschland"
11) Kurt Tucholsky, Ein älterer, aber leicht besoffener Herr




Leserbrief an rz, 09.10.2006

Hallo Klaus,
angeregt durch Deinen Artikel "Wie die deutsche Sozialdemokratie Engels fälschte" hier eine kleine Kostprobe von der lokalen SPD.
(http://www.spd-chemnitz.de/index-06000000.html)
Da gibt es einen AFA-Denkzettel vom September diesen Jahres und siehe da, früher haben sie Engels verfälscht und heute total vergessen!

"Was also ist die Alternative? Wer den Absturz nicht will, muss ein nachhaltiges Gleichgewicht auf hohem Niveau für alle anstreben. Hier fehlt es: an der theoretischen Perspektive und erst recht an der politischen Praxis. Vor uns als Sozialdemokraten stehen große Aufgaben. Bernhard Weismann"
(http://www.spd-chemnitz.de/upload/AfA-Denkzettel%202-06.pdf)

Dümmer kann man sich nicht profilieren.

Mit freundlichen Grüßen, Jörg Hommel

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