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Unternehmensplanspiel: Wie aus schöner Theorie häßliche Wirklichkeit wurde

K.-H. Lux/K. Wallmann sen. || Datum: 24.09.2006

Unternehmensplanspiel: Wie aus schöner Theorie häßliche Wirklichkeit wurde

Kennen Sie das Schulprojekt "Move It" zwischen dem Viega-Unternehmen (2.500 Beschäftigten, weltweit tätig, mit dem Ruf eines soliden "mittelständischen Traditions-Familienunternehmens") und dem katholischen St. Ursula-Gymnasium, beide ansässig in Attendorn?

Bei diesem Projekt geht der "Wirtschaftsjunior" und Ausbildungsleiter von Viega als Vertreter der "Führungskräfte und Unternehmer heimischer, regionaler Firmen" seit 2001 jeweils im vierten Quartal eines Schuljahres an das Gymnasium. "Aktionen und Angebote sollen Schule und Wirtschaft einander annähern."

Konkret: Schüler sollen sich unter Anleitung des Viega-"Wirtschaftsjuniors" mit "betrieblichen Kennziffern, Bilanzen, Markt-, Personal-, Lager- und Fertigungsberichten" beschäftigen und im Rahmen eines Planspiels lernen, "unternehmerische Entscheidungen zu treffen". Es gilt, das fiktive Sportgerät "Move-Trainer" der fiktiven Firma "Sports Unlimited" "erfolgreich gegen die Konkurrenz der anderen Schulen auf dem Markt zu platzieren".

"Ein Unternehmensplanspiel der besonderen Art" wird bei der Darstellung im Internet betont. "Natürlich kann 'Move It!' hier nicht in allen Details vorgestellt werden, zumal nicht zu viel 'verraten' werden darf" ... denn, "schließlich soll das Projekt ja auch für zukünftige Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch genügend 'Überraschungen' bieten".
(http://www.st-ursula-attendorn.de/Klassen/sowi/mi/mi_start.htm)

Eine dicke Überraschung gab es am 22.09.2006. Da konnte man in der Presse lesen und auf WDR 2 hören:
Das wohlanständige Familienunternehmen Viega ist von der EU zu einer Geldstrafe von 54 Millionen Euro verknackt worden. Zusammen mit anderen beteiligten in- und ausländischen Firmen beträgt die Stafe 315 Millionen Euro. Die fünfthöchste Strafe, die die EU bislang verhängt hat, gab es für den Bruch von Kartellgesetzen, wegen illegaler Preisabsprachen.
In handschriftlichen Vermerken legten die Unternehmen Preise und Rabatte fest, stimmten sich bei Preiserhöhungen ab und tauschten vertrauliche Geschäftsinformationen aus. Absprachen von Unternehmen zum Schaden von Verbrauchern und Kunden sind in der EU streng verboten.

"Move It!" wurde 2001 zum "besten Landesprojekt in Nordrhein-Westfalen" gewählt. Jetzt haben die Schüler und vielleicht auch die Schulleitung "einen kleinen Einblick in die Konzeption des Wettbewerbs" erhalten, den es ja "zu vermitteln" galt, wie es in der Projektvorstellung heißt.

Die Familie Viegener, Inhaber von Viega, gilt als eine der 200 Familien Deutschlands mit dem größten Vermögen. Selbst wenn sie die volle Stafe zahlen muss, was ja keineswegs sicher ist, wird sie sich bestimmt nicht im Attendorner Ratshaus anstellen müssen, um dort bei der ARGE einen Antrag auf Hartz IV zu stellen.

Man darf gespannt sein, wie die Schulleitung des St. Ursula-Gymnasiums das Projekt der Kooperation mit der "heimischen Wirtschaft" und der zu Bußgeld verurteilten Firma Viega jetzt bewertet.
Über die E-Mail-Adresse: gymnasium@st-ursula-attendorn.de kann man dort anfragen.

Karl-Heinz Lux



Unter http://rsw.beck.de heißt es dazu:
"... Wie die [EU-]Kommission am 20.09.2006 mitteilte, sollen die beschuldigten Unternehmen in den Jahren 1988 bis 2004 Preise, Preisnachlässe und Rabatte festgelegt sowie Mechanismen zur Koordinierung von Preiserhöhungen vereinbart haben. Ferner sollen sich die Konzerne untereinander die Kunden aufgeteilt und wichtige vertrauliche Geschäftsinformationen ausgetauscht haben.
... Bei den zwei betroffenen deutschen Unternehmen handelt es sich zum einen um das Familienunternehmen Viega mit Sitz im nordrhein-westfälischen Attendorn. Es muss rund 54 Millionen Euro Strafe zahlen. Eine Strafe von knapp acht Millionen Euro kommt auf das mittelständische Familienunternehmen Sanha Kaimer aus Essen zu ...
Die Entscheidung stützt sich auf zahlreiche Unterlagen, Unternehmenserklärungen und Zeugenaussagen der sich auf die Kronzeugenregelung berufenden Unternehmen sowie auf Unterlagen, die die Kommission bei ihren Nachprüfungen vor Ort entdeckt hat ..."

Und auf www.capital.de konnte man lesen:
"... Das Familienunternehmen Viega mit Sitz im nordrhein-westfälischen Attendorn muss rund 54 Millionen Euro Strafe zahlen. Viega gab zunächst keine Stellungnahme ab ...
Das Kartell lief ungewöhnlich lange, von 1988 bis 2004. Das niederländische Unternehmen Aalberts muss mit knapp 101 Millionen Euro den Löwenanteil der Strafe berappen. Dieser Konzern und Delta, Advanced Fluid Connections (beide Großbritannien) sowie Legris (Frankreich) setzen die Preisabsprachen auch nach Razzien von EU-Ermittlern fort und bekamen deshalb besonders saftige Strafen aufgebrummt ..."
(http://www.capital.de/unternehmen/meldungen/665503.html)

Der "Wirtschaftsjunior" der Firma Viega, Holger Drobe (Ausbildungsleiter und Personalreferent der Firma Viega), in einem Interview vom 30.07.04 auf der Homepage des St. Ursula-Gymnasium:
(http://www.st-ursula-attendorn.de/Klassen/sowi/mi/midoku08.htm)

"'Move It!' hat zwei Ziele. Zum einen erlernen die Schülerinnen und Schüler praxisnah, in Form eines Planspiels bzw. einer Wirtschaftssimulation, wirtschaftliche - besonders betriebswirtschaftliche - Grundlagen. Zum andern möchten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Sport und körperlicher Fitness animieren. Dahinter steckt die Überlegung, dass die Führungskräfte von morgen geistig, wirtschaftlich, aber auch körperlich fit sein müssen, denn gemäß einem alten lateinischen Sprichwort gilt: In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist ..."

Das Motto des Familienunternehmens dürfte dagegen ein anderes gewesen sein: Pecunia non olet - Geld stinkt nicht, vor allem nicht das der betrogenen Kunden.

Auf die Frage "Wie finanziert sich das Projekt?", antwortet Herr Drobe: "Über Sponsorengelder. ... Auch die Firma 'Viega' hat natürlich gesponsert."

Natürlich. Aus dem aus verbotenen Preisabsprachen und willkürlichen Preiserhöhungen zum Schaden von Verbrauchern und Kunden erzielten Zusatzprofit ist selbstverständlich auch ein kleines Bröckchen für das wohltätige "Sponsoring" abgefallen, in dessen Licht sich das mittelständische Traditions-Familienunternehmens jahrelang sonnen konnte.

Befragt, was er "beim nächsten Mal anders oder besser machen" würde erwidert Herr Drobe:
"... Es gibt Überlegungen, es in Zukunft etwas anders aufzuziehen, vielleicht größer und mit mehr Schulen, möglicherweise auch aus anderen Landkreisen oder Bundesländern ... Vielleicht sollten wir ... das Ganze auf internationaler Ebene durchführen ... In der Marktwirtschaft herrscht internationaler Wettbewerb; dem muss man sich stellen. Und das kann schon in der Schule anfangen."

Das nenne ich Konsequenz. Konsequent setzt das Unternehmen damit seine in den letzten Jahren gesammelten Erfahrungen innerhalb des nun aufgeflogenen internationalen Kartells um.

Bleibt zu hoffen, daß die Schulleitung des katholischen Gymnasiums sich bei der Aufarbeitung dieses typischen Falls des alltäglichen Kapitalismus genau so rührig zeigt, wie bei dem hochgelobten "Unternehmensplanspiel". Die Anregung von K.-H. Lux habe ich übrigens aufgegriffen, und das St. Ursula-Gymnasium um eine baldige Stellungnahme gebeten.

Klaus Wallmann sen.

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