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Rund 10.000 Delegierte der bundesweiten Montagsdemo-Bewegung in Berlin

rf news online || Datum: 17.09.2006

Rund 10.000 Delegierte der bundesweiten Montagsdemo-Bewegung in Berlin

Über den gestrigen 3. Sternmarsch der Montagsdemo-Bewegung - an der auch 9 Teilnehmer der Zwickauer Montagsdemo teilnahmen - berichtet heute die Online-Ausgabe der "Roten Fahne":

Bei strahlender Sonne starteten heute in Berlin um Punkt 12 Uhr drei Sternmärsche von drei unterschiedlichen Sammelpunkten. Schon zuvor entwickelte sich eine begeisterte Stimmung unter den Teilnehmern, die sich nach und nach einfanden. Ankommende Busse und Teilnehmer aus den verschiedenen Orten wurden begrüßt, Kurzreden gehalten, Lieder gesungen, Infos von den anderen Sammelpunkten ausgetauscht. Transparente und gelungene Demo-Kostüme wurden vorgestellt. Großer Beifall, als den Kollegen von Bosch-Siemens-Hausgeräte in Berlin-Spandau solidarische Grüße übermittelt wurden, die heute morgen mit der Blockade der Werkstore begannen, nachdem sie erfahren hatten, dass die Maschinen abtransportiert werden sollen.

Als es dann los ging, wurde immer deutlicher, was die bundesweite Montagsdemo-Bewegung zusammen mit zahlreichen anderen Kräften und Teilnehmern erneut Großartiges auf die Beine gestellt hat. Eine beeindruckende Vielfalt und Breite der Zusammensetzung prägte auch dieses Jahr den Sternmarsch in Berlin. Von den Montagsdemonstranten nahmen Delegationen aus rund 20 Prozent mehr Orten teil als noch im letzten Jahr. Sie kamen aus allen Winkeln Deutschlands, von Wilhelmshaven bis Rheinfelden und von Köln bis Eisenhüttenstadt, erstmals dabei auch starke Kräfte der brandenburgischen Montagsdemonstrationen. Allerdings war auffallend, dass viele Montagsdemonstrationen eher Delegationen geschickt hatten, weil nicht wenige Aktivisten sich inzwischen eine solche Fahrt gar nicht mehr leisten können.

Stark vertreten waren insbesondere Delegationen aus den Betrieben und Gewerkschaften. Dabei waren unter anderem Stahlarbeiter von TKS Duisburg und HSP Dortmund, Kollegen von Opel in Bochum, von DaimlerChrysler in Sindelfingen und Düsseldorf, von VW aus Hannover, vom Porsche-Solidaritätskreis aus Stuttgart, von Siemens Uerdingen, von Goldschmidt und Küppersbusch aus Gelsenkirchen, Bergarbeiter von "Kumpel für AUF", Kollegen von Herlitz/eCom aus Berlin und von den Berliner Kliniken Vivantes und Charité. Auch dem gegenwärtigen Streik der Charité-Kollegen versicherten die Teilnehmer des Sternmarschs ihre Solidarität und Unterstützung. Zu sehen waren zahlreiche Gewerkschaftsfahnen der IGBCE, der IG BAU, der IG Metall und von Verdi.

Von den politischen Parteien waren die Linkspartei, die WASG, die Grauen und die MLPD mit ihrem Jugendverband REBELL vertreten sowie ein ganzer Block der AGFG ("Allianz für Gesundheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit"), die ebenfalls zu den Berliner Senatswahlen kandidiert. Es nahmen auch verschiedene Migrantenorganisationen, Gruppen des Frauenverbands Courage, von "Solidarität International" usw. teil.

Großer Jubel dann beim Zusammentreffen der drei Züge auf dem Alexanderplatz. Der Stolz der Teilnehmer wuchs, als sich herausstellte, dass es erneut gelungen war, eine Demonstration mit rund 10.000 Beteiligten auf die Beine zu stellen. Darin wird eindrucksvoll deutlich, welche Kraft in dieser bundesweiten selbst organisierten Bewegung mittlerweile steckt. Ihr demokratischer und gleichberechtigter Charakter, der in den zahlreichen offenen Mikrofonen, den vielfältigen Kulturbeiträgen und Ideen der Teilnehmer zum Ausdruck kommt, strahlte auch nach außen aus.

Von Anfang an verfolgten zahlreiche Anwohner und Passanten mit Interesse dieses Ereignis. Manche winkten oder hupten zustimmend von ihren Autos aus. Vor allem in der Schlussphase vor dem Brandenburger Tor schwoll der Demonstrationszug wie schon im letzten Mal wieder deutlich an, weil sich viele kurzerhand einreihten. Immer wieder hörte man: "Toll, dass ihr das hier macht. Es ist einfach schlimm, dass es so etwas wie Hartz IV gibt." Ein Demonstrant aus Augsburg zu "rote fahne news": "Ich bin zum ersten Mal auf so einer Demonstration. Ich habe bisher gar nicht gewusst, dass es die Montagsdemonstrationen gibt. Dann wurde ich am Stand angesprochen und bin mitgefahren. Aber ich denke, es müssten noch viel mehr Junge da sein. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass wir da demonstrieren, wo die Regierung sitzt."

Die verschiedenen Redner auf der Abschlusskundgebung machten die Breite der Trägerschaft und der Unterstützer des Sternmarschs noch einmal gut deutlich. Da sprach Helmut Mantz von Linkspartei.PDS Landesvorstand NRW neben Lucy Redler, WASG-Kandidatin zu den Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlen, Peter Tuge, Kreisvorsitzender der "Grauen" in Berlin-Köpenick und Stefan Engel von der MLPD. Weitere Redner waren Fred Schirrmacher von der Koordinierungsgruppe der bundesweiten Montagsdemo-Bewegung, Birgit Kühr von der Montagsdemo Angermünde, Mina Ahadi, Vorsitzende des internationalen Komitees gegen Steinigung, Dorothea Spahlinger von der Koordinierungsruppe der bundesweiten Montagsdemo-Bewegung, Annegret Gärtner-Leymann, Betriebsrätin bei Opel Bochum, Linda Weißgerber, Bundesvorstand Courage, Sigmar Herrlinger, Porsche Stuttgart, und Brigitte Heinisch von Vivantes zusammen mit von fristlosen Kündigungen betroffenen Kollegen von Klinikum Duisburg und zwei Vertretern der Streikleitung Charité.

Stürmisch beklatscht wurden auch die Kulturbeiträge von "Infrarot" aus Essen, dem "Duo Infernale" aus Essen, der Montagsdemo-Rapper aus Stuttgart, von Michael Schade aus Heidelberg und der Straßenband "Nümmes" aus Berlin. "Stella" aus Berlin trug das Gedicht von Bertolt Brecht "Sie haben Gesetze und Verordnungen ..." so eindrucksvoll vor, dass man Gänsehaut bekam.

Auffallend war, dass bei den Reden und Kulturbeiträgen die grundsätzliche Kritik am gesamten kapitalistischen System mehr als bisher im Vordergrund stand. Jubelnder Beifall für Stefan Engel, den Parteivorsitzenden der MLPD, als er ausführte: "Die Montagsdemo-Bewegung kann stolz sein auf diese dritten selbst organisierten Sternmarsch, der von den Medien verschwiegen wurde und trotzdem fast 10.000 Leute mobilisiert hat. Das hat es in Deutschland noch nicht gegeben, dass eine selbständig organisierte Bewegung so etwas auf die Beine stellt. (...)

Es ist keine Frage, dass wir die Demonstrationen, zu denen der DGB am 21.10. aufruft, unterstützen. Wenn jedoch der DGB wirklich eine andere Politik wollte, hätte er auch diesen Sternmarsch unterstützt. Jetzt wird bekannt, dass am 21.10. gar nicht wirklich demonstriert werden soll, die Regierung nicht kritisiert werden darf, sondern nur Vorschläge gemacht werden sollen, wie sie ‚besser werden kann'. Nur eine gute Regierung kann etwas besser machen. Diese Regierung hat jedoch versagt, wie die Meinungsumfragen nach einem dreiviertel Jahr zeigen. Wenn sie etwas Anstand hätte, wären sie schon längst zurücktreten."

Lucy Redler von der WASG führte aus: "Die entscheidende Kraft ist die außerparlamentarische Opposition so wie sie gegenwärtig von den Kollegen bei der Charité oder bei Bosch-Siemens-Hausgeräte verkörpert wird." Helmut Mantz von der Linkspartei.PDS: "Wenn man den Reichsten in diesem Land nur ein Prozent wegnehmen würde, kämen Milliarden zusammen, mit denen eine Unmenge sozialer Errungenschaften finanziert werden könnten. Es würde natürlich ein riesiges Geheul losgehen, aber kümmern wir uns nicht um dieses Geheul!"

Quelle: rf news online, 17.09.2006

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