rz-Logo

Freitod eines Langzeit-Arbeitslosen

Klaus Wallmann sen. || Datum: 10.09.2006

Freitod eines Langzeit-Arbeitslosen

Neben dem Artikel, den die "Märkische Oderzeitung" (MOZ) vom 18.08.06 auf Seite 3 mit "Tödliches Fanal gegen das Regime" überschreibt, und der sich mit dem freiwilligen Verbrennungstod von Pfarrer Brüsewitz vor 30 Jahren in Zeitz beschäftigt, fand man einen Artikel - Zufall oder nicht - der sich mit einem langzeitarbeitslosen jungen Mann beschäftigt. Dem drohte die Wohnungsräumung. Als der Gerichtsvollzieher kam, stürzte er sich aus dem 5. Stockwerk auf die Straße. Der 34-jährige Elektroniker ist tot.
Die Behörden sprechen von einem "Mißverständnis".

Die MOZ-Journalistin Sabine Rakitin schrieb unter der Überschrift "Tim S. könnte noch leben" folgendes:
... Vielleicht war es eine Kurzschlussreaktion. Vielleicht hatte Tim S. es aber auch satt, angewiesen zu sein auf die Almosen des Staates. Nach der Ausbildung zum Elektroniker im Halbleiterwerk gelang es ihm nicht, eine feste Anstellung in seinem Beruf zu finden. Jahrelang war er ohne Arbeit oder hielt sich durch geförderte Stellen über Wasser. ... Zuletzt bekam der alleinstehende junge Mann noch einen Ein-Euro-Job.
Doch erfüllt hat ihn das alles nicht. Er war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach einer richtigen Arbeit auf der einen und dem Erkennen der Hoffnungslosigkeit seiner Lage auf der anderen Seite, verfiel zeitweise in Lethargie, verstieß gegen seine Meldepflicht beim Jobcenter – und musste Kürzungen seines Arbeitslosengeldes II hinnehmen. Dabei reichte das Geld schon so nicht."

So kam er in Verzug mit den Mietzahlungen. Die Wohnungswirtschaft Frankfurt (Oder) GmbH (Wowi) - sein Vermieter - schickte die erste Zahlungsaufforderung, dann die zweite. Der Kurs, den die Wowi fährt, so die Journalistin, sei "rigide".

Als dem jungen Mann die Kündigung droht, "suchte und bekam" er "Unterstützung im Bereich Wohnhilfe der Frankfurter Stadtverwaltung und beim Jobcenter". Ab dem 01.06.05 überwies die ARGE Frankfurt die Miete direkt an die Wowi. Der Geschäftsführer der ARGE wies auch nach, daß seit dem 01.02.06 monatlich 40 Euro an die Wowi flossen, um die Mietschulden zu tilgen. 40 Euro, die natürlich vom ALG II abgezogen wurden.
"'Mir ist deshalb vollkommen unverständlich, wie es zu dieser Zwangsräumung gekommen ist', sagt der ARGE-Geschäftsführer." Auch seine Erfahrungen mit der Wowi sind nicht die besten. "Und er fragt sich, was sich viele in der Stadt angesichts des tragischen Todes von Tim S. fragen: 'Hat die Wohnungswirtschaft als kommunales Unternehmen nicht auch eine soziale Verantwortung?'"

Diese Frage beantwortete Bürgermeisterin Katja Wolle (SPD) mit einem klaren "Ja", während OB Martin Patzelt (CDU) "erst einmal einen detaillierten Bericht bei seiner Wohnungswirtschaft angemahnt hat".
Frau Wolle, entsetzt darüber, "dass ein Mensch wegen einer marginalen Summe von unter 1000 Euro sterben musste", fordert daß der Fall "lückenlos aufgeklärt wird". Sie wies darauf hin, "'dass der Block, in dem Herr S. wohnte, abgerissen werden soll - und die Wowi in solchen Fällen eine neue Wohnung stellen und für die Umzugskosten aufkommen muss'" - und ihr kommen "böse Gedanken".

Wowi-Geschäftsführer Schürg beantwortete keine Fragen zu dem Fall. In einer Pressemeldung hieß es lediglich, daß die beabsichtigte Räumung der Wohnung ein Geschäftsvorgang des Amtsgerichtes Frankfurt (Oder) war.

Zwei Tage nach dem tragischen Freitod schreibt die Journalistin einen zweiten Artikel mit der Überschrift "Ganz normaler Ablauf". Damit zitiert sie den Geschäftsführer der kommunalen Wohnungswirtschaft Frankfurt (Oder) GmbH, Ronald Schürg, der "eine Mitverantwortung seines Unternehmens für das Geschehen kategorisch" zurückwies und von einem "ganz normalen Geschäftsablauf" sprach. Er drückte sein Bedauern aus, wollte wegen des "schwebenden Verfahrens" jedoch keine weiteren Aussagen machen.

Die Angabe des Job-Centers, daß seit dem Sommer 2005 die Miete für Tim S. von dort angewiesen wurde, bestritt er allerdings. Nach seiner Kenntnis erfolgte die Zahlung erst seit Januar 2006.
Er erklärte der Journalistin auch das "normale Procedere" seines Unternehmens: "Wenn der Mietrückstand mehr als zwei Monatsmieten betrage, erfolge die Kündigung. Das Mietenkonto werde weiter unter Kontrolle gehalten. Gäbe es keine Einzahlung, erfolge die Einleitung der Räumungsklage."
Auf den Widerspruch hingewiesen, daß im Fall Tim S. die Miete zumindest seit Januar 2006 gezahlt und auch die Mietrückstände abgetragen wurden, und dennoch die Wowi die Zwangsräumung betrieben habe, erklärte Herr Schürg:
"Ratenzahlungen, die wir mit unseren Mietern abschließen, also auf bilateraler Ebene, sorgen dafür, dass wir jegliches Beitreiben oder Vollstrecken sofort unterbrechen." Im Fall Tim S. handelte es sich jeoch um eine "einseitige Festlegung des Jobcenters, mit der wir uns überhaupt nicht einverstanden erklären können". Eine Begründung dafür gab er nicht, statt dessen schob er den Schwarzen Peter weiter.

Bürgermeisterin Wolle, so Schürg, hätte "alle Möglichkeiten" gehabt, die Zwangsräumung auf dem Petitionswege zu beenden. Er bestreitet zugleich, daß es seitens der Stadt mehrere Versuche bei der Wowi gegeben hätte, die Zwangsräumung zu stoppen, was nun wiederum Frau Wolle bestreitet, die genau diese Aktivitäten schwarz auf weiß belegen könne.

Nachdem OB Patzelt sowohl die Stellungnahme der Wowi wie auch der Bürgermeisterin Wolle vorlag, ergaben sich für ihn zusätzliche Fragen, die er "in den nächsten Tagen rückhaltlos beantwortet wissen will". Auch Herrn Schürg lud er zur Sitzung des Hauptausschusses am 28. August. Der jedoch erklärte gegenüber der MOZ, daß er sich an diesem Tag im Urlaub befinde.

Mag ein jeder Leser seine eigenen Schlußfolgerungen aus diesem Geschehen ziehen. Für mich ist dieser "ganz normale Geschäftsablauf", dieses völlig "normale Procedere" ganz gewöhnlicher täglicher Kapitalismus. Lesen Sie bitte den Artikel von Hermann Duncker - "Das Recht auf das Leben" - der 1896 geschrieben wurde. Besser kann man es nicht in Worte fassen.

Klaus Wallmann sen.

Der Tod in Hameln

Quelle: http://www.bundesweite-montagsdemo.com/1f023d968a12beb0d/53492597e1013410c/534925982a0b54203.html
Auf der Website der MOZ konnte ich gestern nichts zu diesem Thema finden.


Zurück Ihre Meinung ist gefragt. Zum Anfang