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Chruschtschows "Geheimrede" (4): "Der verwirrte Feldherr"

Klaus Wallmann sen. || Datum: 06.08.2006

Chruschtschows "Geheimrede" (4): "Der verwirrte Feldherr"

Dossier Stalinsh. auch: Dossier Stalin

In meinem Artikel "Stalin - Lüge und Wahrheit (Teil 1: Stalins Demoralisierung nach dem Überfall Deutschlands)" habe ich mich schon einmal mit Chruschtschows "Geheimberichts"-Lüge über einen angeblich erschrockenen und eingeschüchterten Stalin beschäftigt, der nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in Depressionen gefallen und zu keiner Arbeit mehr fähig gewesen sein soll. An der in meinem Artikel vom Mai 2005 getroffenen Feststellung, daß Chruschtschows Darstellung mit den inzwischen bekanntgeworden Tatsachen nicht vereinbar ist, hat sich nichts geändert. Die folgenden Zeilen dienen lediglich der Ergänzung.

Neben den von mir bereits erwähnten Tagebüchern Stalins, mit denen sich Steve Main von der Universität Edinburgh befaßte, werden im Archiv des Zentralkomitees der KPdSU die Aufzeichnungshefte von Personen aufbewahrt, die Stalin vom Abend des 21. Juni bis zum 28. Juni 1941 empfangen hat und von denen, die in seinem Empfangsraum Wachdienst leisteten. Diese Aufzeichnungen wurden im Journal "Nachrichten des ZK der KPdSU", Nr. 6, im Juni 1990 veröffentlicht. Auf Stunde und Minute genau ist daraus abzulesen, wen Stalin wann und wie lange empfangen hat. Es waren bis zu dreißig Personen pro Tag, darunter Partei-, Wirtschafts- und Staatsfunktionäre, Militärs und Funktionäre der internationalen kommunistischen Bewegung. Man kann sicher davon ausgehen, daß es sich bei diesen Treffen nicht um Kaffeekränzchen gehandelt hat.

Vergessen sollte man auch nicht, daß der behandelnde Arzt von Stalin, Prof. Preobraschenskij, schon Jahre zuvor die Diagnose einer phlegmonischen Angina gestellt hatte, und am 21. Juni 1941 diese eitrige Halserkrankung sogar in schwerer Form diagnostizierte. Die Einweisung in ein Krankenhaus, auf der Preobraschenskij bestand, lehnte Stalin jedoch ab, er forderte sogar, daß selbst seine engsten Mitarbeiter nichts von der Erkrankung erfuhren.
In Anbetracht dieser schweren Erkrankung dürfte es verständlich sein, daß Stalin auf die Menschen in seiner Umgebung eventuell einen niedergeschlagenen Eindruck machte. Täglich bis zu dreißig Personen zu empfangen, wichtige Aufgabenstellungen zu formulieren und Entscheidungen zu treffen, und gleichzeitig gezwungen zu sein, die Schmerzen nicht zu zeigen, sondern Energie und Zielstrebigkeit auf seine Umgebung auszustrahlen - dazu braucht es Selbstbeherrschung. Die Krankheit besserte sich erst Ende Juni.

Mit der sogenannten "Verworrenheit" Stalins zu Kriegsbeginn ist eine weitere unverschämte Verleumdung verbunden, die ihren Ursprung wohl in den Memoiren von Marschall Moskalenko hat - zumindest beziehen sich alle ihre Kolporteure auf ihn. Dort wird erwähnt, daß während des Prozesses gegen Berija (der 1953 von Chruschtschow unter Anklage gestellt wurde) dieser behauptet habe, daß Stalin in seiner Verwirrtheit und Angst Hitler die sofortige Beendigung der Kriegshandlungen vorschlug und dafür das Baltikum, Moldawien, einen bedeutenden Teil der Ukraine und Weißrußlands sowie einige Gebiete der Russischen Föderation an Deutschland abtreten wollte.
Auch Chruschtschow, der wohl jede Absurdität benutzte, solange sie sich nur gegen Stalin richtete, ließ diese Geschichte in seine Memoiren einfließen.

Ich halte den Kundschafter der Sowjetunion, General Sudoplatow, für weitaus glaubwürdiger:
"Nach meiner festen Auffassung fühlten Stalin und die gesamte Führung, dass der Abschluss eines Separatfriedens in diesem unvergleichlich schweren Krieg automatisch den Verlust ihrer Macht bedeutet hätte, ganz zu schweigen von den patriotischen Gefühlen, von denen sie beseelt waren. Davon bin ich fest überzeugt. Jede Form einer Friedensvereinbarung mit Hitler war für sie nach Kriegsausbruch völlig unannehmbar."
(P. A. Sudoplatow, Der Kreml und die Aufklärung, Moskau 1997, Seite 176)

Die Hirngespinste Chruschtschows und seiner Genossen sind nicht einfach nur wirre Gedanken. Es sind bewußt grobe Fälschungen und Entstellungen, die sowohl das Wesen und den Sinn des sozialistischen Staates, der kommunistischen Weltanschauung als auch das persönliche Wirken Stalins vor den Menschen diffamieren soll. An dieser Zielstellung hat sich seit der "Geheimrede" nichts geändert.

Klaus Wallmann sen.

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