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Gert's Leserbrief und ein Kommentar

Gert / H.Z. || Datum: 03.05.2005

Gert's Leserbrief und ein Kommentar

Aus Crimmitschau erhielt ich eine Leserzuschrift, mit der der Schreiber auf die vor einigen Tagen veröffentlichten Beiträge

Wer befreite Buchenwald?
Skandalöser Abrißbescheid gegen Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals

reagierte. Die Zuschrift beschäftigt sich mit einem breiten Spektrum von Fragen, doch insgesamt transportiert sie ein sehr konfuses Weltbild, über das die neofaschistischen Ideologen, wie auch die Ideologen der herrschenden Klasse sehr erfreut sein werden. Ich veröffentliche diesen Brief trotzdem, denn er macht deutlich, welche Auswirkungen die neofaschistische Propaganda schon heute hat. Und ich veröffentliche ihn deshalb, weil er mir für einen Großteil der so denkenden Menschen exemplarisch erscheint. Ausbedungen hatte ich mir vom Schreiber des Briefes, daß ich seinen Leserbrief nur veröffentliche, wenn ich einen Kommentar hinzufügen darf. Da er diese Bedingung akzeptierte, finden Sie nach dem Leserbrief den kommentierenden Beitrag eines Dr.phil., dem ich an dieser Stelle herzlich für seine Mühe danke.
(rz sind die Namen der Autoren bekannt.)


Gert's Leserbrief

"Ich kenne Deine Meinung zu NPD und Rechts ....

Meiner Meinung nach ist es doch nicht die Frage, ob NPD, NSDAP usw. Selbst wenn ein Adolf Hitler nicht wieder an die Macht kommen soll und aus ethischen Gründen solch ein Massenmord nicht mehr geschehen soll, kannst Du mir erklären, was der Unterschied zur jetzigen Regierung ist?

Wenn aus Kostengründen die künstliche Ernährung privat bezahlt werden soll, und wenn man dazu finanziell nicht in der Lage ist, so muß man eben hungern. Das ist qualvoller Mord, der über Tage dauern kann (sh. USA) und das betrifft, wie im Fernsehen gezeigt wurde, nicht nur ältere Menschen sondern auch Kleinstkinder und Neugeborene. Schon eine bloße Diskussion ist menschenverachtend. Da war Hitler noch human, denn dort hat's vielleicht bloß 15 - 30 Minuten in der Gaskammer gebraucht.

Da ich Diabetiker bin müßte ich Diabetikerkost, Seefisch u.ä. essen.
Kleines Beispiel:
Eisbein hat keine BE-Einheiten, dürfte ich also essen. Da es aber zu viel Fett hat und ich schon Übergewicht habe, ist es für mich gestrichen.
Diabetiker-Produkte sind teurer als normale. Da ich Typ IIb bin, bekomme ich auch die 51,- Euro Ernährungskosten-Beihilfe für Diabetiker nicht.
Also kaufe ich mir z.B. statt 200 Gramm Seefisch für ca. 3,50 Euro/kg Schweinekamm im Angebot 2,99 Euro/kg. Da habe ich mehrere Mahlzeiten und werde satt. Ist aber ungesund, ich könnte blind werden durch die Diabetes, oder ich bekomme einen Diabetischen Fuß, der mir dann Stück für Stück abgenommen wird, bis ich irgendwann mal tot bin. Da war Hitler noch human, denn dort hat´s vielleicht bloß 15 - 30 Minuten in der Gaskammer gebraucht.

Bei solchen News frage ich mich: Haben wir nicht Adolf Hitlers Nachfolger an der Macht? Wenn sie könnten wie sie wollten, würden sie doch jeden Kranken, Rentner usw. lieber jetzt umbringen, aber aus Gewissensgründen machen sie es nicht.

Adolf H. hat die Arbeitslosen so gut wie wegbekommen und das sehen viele Jugendliche und auch viele andere so, sonst hätte die NPD nicht soviel Zuwachs. Und so wie ich es sehe, da wähle ich doch lieber eine NPD, die hoffentlich alle Ausländer friedlich in Ihre Herkunftsländer befördert und die enteigneten Kapitalisten gleich mit, und die Stellen wieder mit deutschen Arbeitnehmern besetzt.
Klar, ich bin nicht ausländerfeindlich, sie können hier Urlaub machen, aber die Jobs sollten doch für deutsche Arbeitnehmer sein.
Der Asiate oder die Dönerbude, der Grieche usw. kann auch hier bleiben, es können auch Ausländer hier arbeiten, aber erst wenn das eigene Volk Arbeit hat.

Gert


Anmerkungen zum Leserbrief von "Gert"

Nach dem ersten Durchlesen könnte man meinen, es handle sich um eine Meinungsäußerung, wie sie bei bestimmten Stammtischen gerne mal zum Besten gegeben wird. Charakteristisch sind die vielen Halbwahrheiten, die in lamentierendes Geschwätz eingebettet sind.
Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass eine persönliche Sicht herausgekehrt wird: "Und so wie ich es sehe, da wähle ich doch lieber eine NPD..." Man könnte meinen, der Verfasser denke angesichts des arbeiter- und volksfeindlichen Kurses der rot-grünen Regierung an eine ihm möglich erscheinende Alternative.

Dagegen lassen einige Besonderheiten der Zuschrift eine andere Erklärung vermuten, die sich aus bestimmten Methoden und Argumentationslinien ergibt.

So verwendet der Schreiber (sicher unbewußt) den Catonismus, eine Methode der Agitation, bei der an ganz unterschiedliche Themen zum Schluss jeweils die gleiche Phrase angehängt wird. Von den ersten beiden größeren Absätze haben der erste die Finanzierung der künstlichen Ernährung bis zum Tod, der zweite die Ernährungsgewohnheiten des Verfassers, der sich als disziplinloser Wohlstandsdiabetiker outet, vor dem Tod zum Thema. An beide Absätze hängt der Verfasser des Leserbriefs den identischen Satz: "Da war Hitler noch human, denn dort hat´s vielleicht bloß 15-30 Minuten in der Gaskammer gebraucht." So wird der Mord von Millionen Menschen in den Gaskammern, Euthanasieopfer, durch Geburtsunfall oder durch andere Schicksalsschläge hilfsbedürftige Mitbürger, politische Häftlinge und Juden in unerträglicher Weise verharmlost und der Tod in Todesfabriken als Alternative zum individuellen Tod hingestellt.

Eine weitere Methode der Hetze in der Zuschrift ist die Eingrenzung des Massenmords auf eine "ethische Frage". In anderen Punkten ist der Massenmord etwa nicht verwerflich? Die Frage der künstlichen Ernährung wurde von der sich "Volksgemeinschaft" nennenden rassistischen Führungsclique des " Dritten Reichs" als eine materielle Frage behandelt. Es gibt dazu Filmstreifen der Nazi- Wochenschau, die unterstellen, der sogenannte gesunde Volkskörper könne das Überleben von Heimbewohnern und Kranken nicht finanzieren, einen Weltkrieg aber wohl!

Was sind nun die Vorstellungen und Quellen, aus denen der Briefschreiber für seine Hetze schöpft?

Zum einen sind es die kleinbürgerlichen Vorstellungen einer kapitalistischen Gesellschaft unter der Herrschaft des Monopolkapitals.
Ausgangspunkt: Wir wollen es doch nicht so genau nehmen: "Meiner Meinung nach ist es doch nicht die Frage ob NPD, NSDAP usw."
Natürlich kommt es dem Schreiber darauf an, die alte Nazi-Partei in dem Brief unterzubringen. Allerdings handelt er sich damit ein, dass der Leser zu dem Schluss kommt: die Zuschrift schreibt nur von der Wahl der NPD. In Wahrheit ist der Verfasser zumindest Sympathisant, wenn nicht Parteigänger der NPD/ NSDAP. Das so zu schreiben, traut er sich aber nicht und glaubt mit vorliegender Formulierung besonders schlau vorgegangen zu sein.

Seine Vorstellungen zum Verhältnis von Kapital und Arbeit sind mehr als konfus. Offenbar hat er die Vorstellung, in den Fabriken und Werkstätten gäbe es feste Stellen, die man nur verteilen müsse. Das entwickelt für den sich ständig verändernden Produktionsprozess die Vorstellung einer Amtsstube. Dabei wissen heute selbst Kommunalangestellte oder die Arbeiter und Angestellten bei Post und Bahn, dass es feste Arbeitsstellen gar nicht mehr gibt. Diese Sicht des Verfassers der Leserzuschrift deckt die ganze Furcht und Angst vor einer sich verändernden Welt auf, die deshalb unter das Diktat einer rassistischen Weltsicht gestellt werden soll.

Eine weitere Vorgabe um zu "Arbeitsstellen" zu kommen ist das Enteignen von Kapitalisten. Da der Verfasser in seinem kurzen Text allein fünfmal den Namen Hitler nennt, kann man wohl davon ausgehen, dass er nicht eine sozialistische Enteignung nach einer Revolution meint. In der Formulierung legt er sich zur Form der Enteignung von Kapitalisten nicht fest.

Es gehört zu den kleinbürgerlichen Vorstellungen von Kapital, dass es an Personen gebunden sei. Das ist zwar eine häufige, aber nicht notwendige Form. Im Hitler-Faschismus war die Kapitalübertragung auf rassistischer Grundlage von jüdischen und systemkritischen Kapitalisten auf die dem System Ergebenen charakteristisch (siehe Übergang der Tietz-Kaufhäuser zur Kaufhof AG, Erpressung des jüdischen Gesellschafterkapitals bei Otto Wolff- Stahlhandelsgesellschaft [heute Thyssen] und Übertrag an den Wehrmachtsoffizier und späteren Monopolkapitalisten Otto Wolff von Amerongen etc.).

Zur Illustration des wahren Verhältnisses des faschistischen Staates zum Monopolkapital nur eine kleine Fußnote. 1943, also mitten im Krieg und bei beginnendem Zusammenbruch der Terrorherrschaft, beschwerte sich der damalige Rüstungsminister Albert Speer bei Krupp, dass die von Krupp bezogenen Granaten 24 RM (Reichsmark) kosten. Seine Beamten hätten festgestellt, dass unter Berücksichtigung der für die Granatenproduktion zur Verfügung gestellten KZ- Häftlinge und Zwangsarbeiter, der Preis nur bei 8 RM liege. Die lapidare Antwort aus dem Krupp-Konzern lautete: Minister Speer könne sich entscheiden. Entweder wolle er Granaten, dann kosten sie 24 RM oder er entscheide sich keine Granaten zu beziehen. Das Rüstungsministerium zahlte daraufhin weiter brav 24 RM pro Granate bis zum bitteren Ende, das Hitler am 16 März 1945 mit dem "Nero-Befehl" garnierte. Dieses Fernschreiben war die Grundlage, auf der Brücken (sämtliche Rheinbrücken!), Fabriken und andere gesellschaftliche Ressourcen vernichtet wurden. Es waren nicht nur die Bombenangriffe der Alliierten, die ein bis dahin ungekanntes Vernichtungswerk in Gang setzten!

Zum anderen schöpft "Gert" aus dem Rassismus.
Es beginnt bei dem Leserbriefschreiber "Gert" wieder mit dem Spuren verwischen. "Klar, ich bin nicht ausländerfeindlich..." Warum: "sie können hier Urlaub machen, aber die Jobs sollten doch für deutsche Arbeitnehmer sein." Nehmen wir mal zu Gunsten von "Gert" an, dass er es mit seiner Schreibe Job = Arbeitsstelle ernst meint. Wie soll jemand mit einem Touristenvisum für 3 Monate wohl an eine solche Stelle kommen?

Vielleicht kommen wir weiter wenn wir uns mal ansehen, was er eigentlich mit Ausländer meint. Er nennt da an erster Stelle "Der Asiate" Offenbar geht es nicht genauer!
Dann hat er eine zweite Gruppe genau bestimmt: "die Dönerbude". Hier lässt er mal so richtig die Maske fallen. Die Dönerbude ist ein Sachbegriff. Wer also in einer Dönerbude arbeitet, der ist eine Sache, kein Mensch. Menschenverachtender könnte das auch das Wörterbuch des Untermenschen nicht ausdrücken. Aber nennt er nicht doch ein Individuum? "der Grieche". So weit ich mich umgehört habe bei griechischen Mitbürger, will keiner der Grieche sein.
Immerhin gesteht "Gert" dann zu: "es können auch Ausländer hier arbeiten, aber erst wenn das eigene Volk Arbeit hat." Nun umfasst das Volk alle Menschen, allen Alters, aller Eigenschaften. Sollen auch Säuglinge und Rentner Arbeit haben? Was sich als Zugeständnis gebärdet ist nichts als eine hohle Phrase.

Zum Schluss:
Der Leserbrief ist ein Dokument einer vollentwickelten neofaschistischen Weltanschauung, die sich zu tarnen versucht, um besser zu wirken.
Es hat sich zu einer Methode in der Neo-Nazi-Szene gemausert, das Internet zu nutzen, um ihre primitive rassistische Hetze geschickt zu verbreiten. Die Hauptmethode ist die Anbiederung an die vielen Schwierigkeiten der Menschen in einer Gesellschaft unter dem Diktat des Monopolkapitals, an die Menschen, die ein menschenwürdiges Leben führen wollen. Der Nazi- Aufmarsch in München am 2. April mit seinem Motto: "Nur ein Esel glaubt noch an einen Sozialstaat in der BRD" beweist das zur Genüge. Deshalb habe ich es auch anhand dieses "Leserbriefes von Gert" für notwendig erachtet, die Methoden und Formulierungen genauer zu studieren. Die Lehre aus der Lektüre des Leserbriefs ist einmal die Forderung nach dem Verbot aller faschistischen Organisationen und ihrer Propaganda, und zum anderen die unermüdliche Fortsetzung der Aufklärung der Massen.

H.Z.



Die Meinung von Leserbriefschreibern muß nicht mit der Meinung des Eigentümers von http://randzone.nickss.de übereinstimmen.

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