Leserbrief zum Artikel "Arm, aber sauber" von Frank Pergande, FAZ, 27.01.2004, S.1


Klaus Wallmann sen.
Datum: 28.01.2004

Leserbrief zum Artikel "Arm, aber sauber" von Frank Pergande, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.01.2004, S.1

Gesendet an: leserbriefe@faz.de

 
Was Herr Pergande mit seinem Artikel eigentlich will, ist mir bis jetzt nicht so richtig aufgegangen. Jedenfalls glaubt er sich berechtigt, über die "DDR-Bürger" zu urteilen, auch wenn die Irrungen und Wirrungen in seinem Artikel den Verdacht aufkommen lassen, sein Wissen entstamme einer bestimmten Art billiger Presseerzeugnisse. Dieses "Wissen" verquickt er mit Behauptungen, die ich ebenfalls nicht nachvollziehen kann.

So behauptet er gleich zu Beginn, dass sich der Erfolg auf eigene Leistung gründet. Das ist nichts weiter als das Märchen "Vom Tellerwäscher zum Millionär". Geschrieben nicht von den Gebrüdern Grimm, sondern von den Apologeten der herrschenden Klasse. Ich gehe nicht weiter darauf ein, jeder realitätsnahe Mensch weiß, dass diese Behauptung einfach nur falsch ist.

"Das ist ein entsetzliches System, weil es Verantwortung durch Zwang ersetzt", bedauert er die armen DDR-Entlassenen, ich sehe die Krokodilstränen richtig fließen. Und die heilige St.Angela von MeckPomm zieht er als Kronzeugin heran. Wobei er natürlich übersieht, dass Frau Merkel, übrigens eine Altersgenossin von mir, es trotz Zwang und DDR-Bildung, und natürlich mit dem richtigen Parteibuch, geschafft hat, ihre jetzige Position zu erklimmen. Genau wie damals die DDR-Bürger nimmt Herr Pergande heute nicht wahr, wissentlich oder unwissentlich, dass auch er Zwängen ausgesetzt ist, dass er nicht so frei ist, wie er es sich einbildet. So kann er zwar seinen Artikel in der FAZ veröffentlichen und auf das Recht der freien Rede verweisen, als ob er es erkämpft habe, doch kann ich ihm entgegenhalten, dass von meinen Leserbriefen an die Lokalpresse immer nur die, bzw. Teile davon veröffentlicht werden, die NICHT systemkritisch sind. Und das erinnert mich allerdings sehr stark an dieses "entsetzliche System", dem ich früher ausgesetzt war. Und so finde ich seine "intellektuellen Teerunden am warmen Kachelofen in Prenzlauer Berg" in den gemütlichen Politikrunden des Deutschen Fernsehens wieder. "Alles... von herrlicher Folgelosigkeit", so schreibt er und hier stimme ich ihm zu.

Geradezu für Demagogie halte ich es, wenn er behauptet: "Je länger die DDR zurückliegt, desto erstrebenswerter erscheint sie", und das mit einigen sozialen Beispielen zu beweisen sucht. Mit Blick auf die gesellschaftliche Realität unseres Landes, ist der vielfach vorhandene Rückblick auf das vergangene Gesundheitssystem der DDR eben NICHT Widerspiegelung des Wunsches nach Rückkehr der DDR, sondern die Widerspiegelung unserer gesellschaftlichen, asozialen Realität. Unwissenheit ist keine Schande, Herr Pergande, aber man sollte sie auch nicht zu sehr ausnutzen.

Nachdem ich bis an diese Stelle des Artikels gekommen bin, kam das, das mir bisher noch zu fehlen schien. "Das billige Weltbild, das in der DDR gelehrt wurde, war nicht einfach eine Lüge, die auf den Müllhaufen der Geschichte gehörte." - Plumper geht's nimmer! Das "Gemisch aus Lügen, Halbwahrheiten und Wahrheiten", aus dem nach seinem Wissenstand das Weltbild der DDR-Bürger bestand, finde ich jeden Tag in unseren Massenmedien wieder (leider auch in der FAZ). Da werden Kriege entfesselt, weil man angeblichen Bedrohungen gegen Massenvernichtungsmitteln vorbeugen muß. Diese werden zwar nie gefunden, doch das ist noch lange kein Grund, diesen Krieg zu beenden. Wenn das nicht die deutliche "Fratze des Kapitalismus" ist...

Die DDR-Bürger konnten sich, nach Herrn Pergande, etwas anderes als die DDR nicht vorstellen. Also zum 100.000 Mal: der größte Teil der DDR-Bürger konnte das Westfernsehen empfangen und hat es empfangen. Ich persönlich seit dem Jahr 1962, da war ich acht Jahre alt. Das ruft NOCH HEUTE eine große Verwunderung bei den westlichen Landsleuten hervor, doch bereits kurz nach der Einheit konnte ich immer wieder feststellen, dass das Wissen der "Wessis" über das östliche Deutschland weit hinter dem Wissen der "Ossis" über das westliche Deutschland hinterher hinkte. Herr Pergande scheint dieses konserviert zu haben.

Noch eine kleine Bemerkung zum Schluss: Wenn ich mich an meine Teenager-Zeit zurück erinnere, so fällt mir niemand in meinem Bekanntenkreis ein, der "Einheitsjeans" getragen hat. Meine erste Jeans war eine Levis, meine heutige Jeans ist eine Levis. Obwohl sie teurer geworden ist und längst nicht mehr solange hält, wie zu DDR-Zeiten.



ZURÜCK